Anki – die tägliche Dosis effektiver Wortschatzwahnsinn

Die ultimative Methode zum Erlernen einer Sprache gibt es ja bekanntlich nicht, aber in einem sind sich doch alle Lernexperten mehr oder weniger einig: regelmäßige (am besten tägliche) Wiederholungen führen zu einem langfristigen Lernerfolg.

Zu Schulzeiten werden die meisten noch mit den klassischen Vokabelheften oder den noch klassischeren Karteikarten gearbeitet haben. So verstaubt diese Methoden in Zeiten der Digitalisierung klingen mögen, das Grundprinzip ist einfach und effektiv: regelmäßiges Wiederholen (= Auswendiglernen) der neuen und alten gelernten Wörter – im Grunde klassischer Drill. Und ja, bei all den modernen Ansätzen der Lernforschung bin ich der Überzeugung, dass das Gehirn auch ein wenig strukturierten Drill braucht, um dann in der freien Anwendung eine Basis zu haben, auf der es aufbauen kann.

Die Karteikarten aus gutem altem Papier wurden in der Zwischenzeit häufig durch digitale Anwendungen abgelöst, was nicht nur umweltschonender und günstiger ist, sondern auch ziemlich viel Platz spart und – last but not least – ganz neue Möglichkeiten des Lernens eröffnet.

Karteikarten-Apps gibt es wie Sand am Meer – ich persönlich nutze schon seit Jahren Anki und bin nicht nur begeistert, sondern habe mittlerweile auch einfach erkannt, welchen Lernerfolg ich damit erzielen konnte.

Für alle, die sich näher mit Anki beschäftigen oder das Programm noch effizienter und effektiver nutzen wollen, habe ich in diesem eher ausführlichen Artikel die wichtigsten Infos und ein paar Tipps & Tricks zusammengestellt.

Die Basics – was genau ist Anki?

Laut Wikipedia ist Anki ein „quelloffenes Lernkartei-Programm, ursprünglich vorrangig gedacht zum Erlernen von Fremdsprachen, wegen seiner vielfältigen Einstellmöglichkeiten allerdings für das Einüben unterschiedlichster Inhalte geeignet“,

Der Clou an Anki: Es funktioniert nach der Spaced-Repetition-Methode (SRS). Prinzipiell geht es dabei darum, dass der zeitliche Abstand, nach dem eine Karteikarte präsentiert wird, ansteigt, je öfter und je besser du die Karte gelernt hast. Das bedeutet, am Anfang wird eine Karte alle paar Tage gezeigt, später alle paar Monate/Jahre. Um den optimalen Lernerfolg zu garantieren, sollte die Karte möglichst kurz vor dem Moment präsentiert werden, an dem das Wort wieder vergessen werden würde. Gleichzeitig werden Wörter, die man bereits vergessen hat, öfter wiederholt, Wörter, die man besonders gut kennt, hingegen nur seltener à der Lernaufwand wird also ökonomisiert und man wiederholt nicht ständig etwas, das man „eh schon drauf hat“.

Trotz des modern klingenden Namens ist das Prinzip hinter SRS nicht neu: Erste Forschungen wurden bereits um 1880 von Hermann Ebbinghaus in seiner Abhandlung Über das Gedächtnis angestellt. Später wurde beispielsweise von Sebastian Leitner das Leitner-System zum effizienten Lernen mit (Papier-)Karteikarten entwickelt.

Erste Schritte mit Anki

1.) Programm hier downloaden und am Computer installieren

2.) Auf der gleichen Seite ein Online-Konto erstellen und mit der passenden App synchronisieren (wer mag – ich nutze nur die Desktop-Version)

3.) Einen ersten Stapel erstellen oder einen der vielen vorgefertigten herunterladen

4.) Ein paar Grundeinstellungen vornehmen und los geht’s!

Was ist eigentlich so ein Stapel?

In Anki werden sogenannte Stapel erstellt. Die kann man sich bildlich wie einen Stapel guter alter Karteikarten vorstellen, die zu einem bestimmten Thema angelegt werden. Die Stapel können jeweils auch mit verschiedenen Einstellungen versehen werden können.

Hier ein persönliches (bereits älteres) Beispiel, hier wurden Stapel nach Sprachen angelegt:

Um einen allgemeinen Überblick über das Programm zu bekommen und erste Schritte zu machen, sei an dieser Stelle an das ausführliche Manual verwiesen: https://apps.ankiweb.net/docs/manual.html

Einschätzung des Lernerfolges

 Anki errechnet anhand der Nutzerangaben, inwieweit der Inhalt der Karte bereits im Langzeitgedächtnis verankert ist. Nachdem eine Karte bearbeitet wurde, kann der Nutzer angeben, ob und wie gut der Inhalt bereits bekannt ist. Anhand dieser Einschätzung und der Infos aus den vorhergehenden Wiederholungen wird dann vom Programm der Intervall festgelegt, wann die Karte optimalerweise das nächste Mal zur Wiederholung vorgelegt wird.

Wann sollte Anki genutzt werden?

Naja, grundsätzlich ist Anki darauf ausgerichtet, täglich zu lernen und zu wiederholen. Anki errechnet besagte Intervalle und zeigt sie am Fälligkeitstag. Der Nutzer kann selbst festlegen, wie viele neue und fällige Karten pro Tag präsentiert werden sollen. Für verschiedene Stapel können hier auch unterschiedliche Einstellungen vorgenommen werden.

Bezüglich der Einstellung muss jeder selbst herausfinden, was einem am besten passt. Es ist auch eine Frage des Aufwands und der Konzentration. Wenn man jeden Tag 10 Stapel à 100 Karten bearbeitet, ist das schon ein enormer Aufwand und ob man sich alles gut merkt, ist eine andere Frage. Auf der anderen Seite ist es auch nicht sinnvoll, jeden Tag nur fünf Karten zu bearbeiten, wenn man seinen Wortschatz schnell erweitern möchte…

Anki errechnet also jeden Tag, welche Karten fällig sind und somit zur Wiederholung vorgelegt werden. Es kann natürlich auch vorkommen, dass mehr Karten fällig sind, als aufgrund der Einstellungen maximal vorgelegt werden (vor allem wenn man mal einen oder mehrere Tage nichts gemacht hat). Dann zeigt Anki die Karten einfach am nächsten Tag. Wenn also das Tageslimit 60 Karten sind, es aber 75 fällige Karten gibt, werden 60 an diesem Tag vorgelegt, die restlichen 15 werden auf den nächsten Tag verschoben (an dem aber auch wieder andere Karten fällig sein werden). Die Karten rutschen also nach. Man kann sie aber auch alle aufarbeiten, indem man im Stapel unter „Benutzerdefiniertes Lernen“ entscheidet, dass man heute ausnahmsweise mehr fällige Karten lernen will.

App oder Desktop-Programm?

Für das tägliche Wiederholen ist die App natürlich sehr praktisch, weil man unterwegs im Bus oder im Wartezimmer beim Arzt immer wieder ein paar Karten wiederholen kann.

Für das Anlegen der Karten ist es aber am besten, das entsprechende Programm am Computer zu verwenden. Das ist viel bequemer und lässt einen auch unkompliziert von den vielen Möglichkeiten der Kartengestaltung profitieren, die das spätere Lernen dann erst so richtig effektiv werden lassen (dazu gleich mehr). Über das Online-Konto ist es kein Problem, das Programm und die App auf allen Endgeräten zu synchronisieren.

So, die Grundlagen wären jetzt mal geklärt. Am besten einfach ausprobieren und loslegen! Jetzt folgen einige Tipps & Tricks, wie die Gestaltungsmöglichkeiten von Anki genutzt werden können, um möglichst effektiv die Vokabeln zu wiederholen.

Der Lernerfolg, der mit Anki erzielt werden, hängt entscheidend von der Gestaltung der Karten ab. Ich habe es selbst nun über Jahre hinweg ausprobiert: Karten, die ich „schnell, schnell“ mit irgendwelchen Wörtern erstellt habe, konnte ich mir nur sehr schwer merken und oft sind sie immer noch nicht wirklich in meinem Langzeitgedächtnis angekommen.

Erstelle nur Karten, die du zu 100% verstehst.

Das ist eigentlich kein Tipp, sondern sogar eine Grundregel. Es klingt so einfach: Man nimmt eine Vokabelliste von 100 unbekannten Wörtern, zum Beispiel aus einer Grundwortschatzsammlung, „schmeißt“ sie in Anki und los geht das frohe Lernen. Probiert es doch mal selbst aus! Selbstverständlich ist es möglich, die Wörter auswendig zu lernen. Zwar wird man um einiges länger brauchen, aber das Ergebnis im Sinne von „Wenn die Vorderseite X ist, ist die Hinterseite B“ stimmt. Dennoch ist und bleibt das lediglich ein stupides Lernen und hat (zumindest nach meinem Verständnis) nichts mit Sprachenlernen zu tun.

Um einen optimalen Lernerfolg zu erzielen, sollte man daher nur mit Anki-Karten arbeiten, die man auch wirklich versteht. Wählt die Wörter, die ihr eingebt, sorgfältig aus. Falls ihr mit vorgefertigten Decks arbeitet, bedeutet das auch, dass ihr Karten, die ihr nicht versteht oder die euch nicht passend erscheinen, auch ganz einfach rauslöschen könnt! Was bringt es euch, die Karte ständig zu wiederholen, wenn ihr eigentlich gar nicht wisst, was genau gemeint ist?

Erst wenn man sich für verständliche Karten entschieden hat, kann man dazu übergehen, sie auch optimal zu gestalten. Was heißt „optimal gestalten“? Nun, ganz grundsätzlich würde es natürlich ausreichen, den Begriff 1 auf der Vorderseite und den Begriff 2 in schwarzer Farbe auf der Rückseite zu notieren. Wie jedoch mittlerweile weitreichend bekannt, gibt es – je nach Lerntyp – Möglichkeiten, den Lernstoff, also zum Beispiel Vokabeln, schneller ins Langzeitgedächtnis zu überführen.

Die folgenden Tipps können einen Hilfe sein, sind aber gewiss nicht für jeden gleich gut geeignet. Diese Liste ist natürlich bei Weitem nicht vollständig und bei jedem von uns funktionieren verschiedene Tricks gut, um sich Dinge zu merken. Daher sollen die folgenden Punkte einfach nur als Anregung dienen, das eine oder andere mal auszuprobieren.

Verwende Farben

Farben sprechen unsere visuellen Fähigkeiten an und können uns dabei helfen, sich gewisse Dinge einfacher zu merken. Anki bietet eine Vielzahl an Farben, die man zur Gestaltung der Karten einsetzen kann.

Ich zum Beispiel verwende ein Farbsystem zur Markierung des Geschlechts der Substantive. So kann ich mir den Artikel leichter merken. Das ist übrigens ein besonders guter Tipp für alle, die Deutsch lernen.

Mein persönliches Farbsystem:

blau – maskuline Hauptwörter

rot – feminine Hauptwörter

grün – sächliche Hauptwörter

violett – Mehrzahlwörter / Pluralformen

Verwendet man immer dasselbe Farbschema, gewöhnt sich das Gehirn daran und nimmt zum Beispiel blaue Wörter noch schneller als maskuline Wörter auf.

Außerdem eignen sich Farben sehr gut zum Hervorheben von Unregelmäßigkeiten (zum Beispiel bei der Verbkonjugation) oder von einzelnen Phänomenen. So gibt es zum Beispiel einige russische Verben, die rückbezüglich sind, die deutsche Entsprechung ist es jedoch nicht. Wenn ich merke, dass ich bei diesem Wort häufig auf –ся (die Markierung für rückbezügliche Wörter im Russischen) vergesse, markiere ich mir diese Endung farblich, damit sie mir beim Lernen gleich ins Auge springt.

Arbeite mit Ton

Wenn man den Lernstoff sowohl sieht als auch hört, kann man ihn sich erwiesenermaßen noch besser merken, als wenn man ihn nur sieht. Anki bietet die tolle Möglichkeit, Audiodateien in die Lernkarten einzubauen. Zum einen kann man selbst die Karten besprechen und sich dabei aufnehmen, oder einfach eine beliebige mp3-Datei per Drag & Drop einfügen.

Sich selbst aufzunehmen hat den Vorteil, dass man die Aufnahme so gestalten kann, wie man sie möchte und natürlich genau auf den Text der Karte abstimmen kann. So kann man einen Beispielsatz genau so aufnehmen wie er geschrieben steht. Im Internet würde ich eine solche mp3-Datei wohl nur schwer finden. Wer einen Sprachlernpartner hat oder einen Muttersprachler kennt, kann ja die Person fragen, ob sie nicht ein paar Wörter oder Sätze aussprechen und aufnehmen möchte.

Wer einzelne Wörter schnell und unkompliziert verwenden möchte, kann die Aussprachen bequem von www.forvo.com gratis herunterladen. Hier findet man jedes erdenkliche Wort in allen möglichen Sprachen. Und wenn nicht, dann fügt man das Wort einfach zur Datenbank hinzu und meist spricht jemand das Wort für einen innerhalb von kurzer Zeit aus.

Wer mit tatoeba.org arbeitet, findet, abhängig von der Sprache, auch viele Beispielssätze mit Audiodatei. Es ist zwar nur ein Bruchteil der Sätze vertont, aber vielleicht hat man Glück und findet genau den, den man braucht. Die weitaus meisten Vertonungen gibt es übrigens für Englisch.

Führe dir das Wort vor Augen

Ein Bild sagt oft mehr als 1.000 Wörter! Oder, ein Bild hilft oft mehr als 1000-mal lesen? Fügt doch zu eurem Wort zusätzlich ein Bild ein, an das ihr euch erinnern könnt, wenn ihr die Vokabel abrufen müsst. Google / Yandex / Bing …. in allen möglichen Suchmaschinen findet ihr Bildmaterial. Soll es eher etwas Einprägendes sein? Eher etwas Lustiges? Etwas Absurdes? Ganz egal, Hauptsache es verbindet euch mit den Vokabeln, die ihr lernen wollt.

Mir helfen solche Bilder oft gut, um mir Wortverbindungen zu merken, vor allem, wenn sie sich von deutschen Strukturen unterscheiden. So sitzt man zum Beispiel im deutschen zwischen zwei Stühlen, im Russischen aber auf zwei Stühlen. Mit ein paar Cliparts aus dem Internet kann man das Bild, das die Wendung erzeugen will, schnell nachbasteln.

Nütze den Platz

Das ist grundsätzlich eine goldene Regel fürs Vokabellernen: Keine Vokabeln ohne Kontext! (Siehe auch oben: nur verständliche Karten!) Auf Anki-Karten hat man viel Platz. Notiert euch so viele Beispiele wie möglich. Wenn ihr keine passenden Sätze zur Hand habt, findet ihr sicherlich etwas auf www.tatoeba.org.

Ihr könnt auch grammatikalische Informationen notieren, zum Beispiel die unregelmäßige Konjugation eines Verbes. Gleichzeitig kann man auch hier wieder mit Farben arbeiten (siehe oben). Vielleicht hilft es jemandem, sich zu notieren, wo er das Wort gefunden oder wer es ihm gesagt hat? Oder ihr habt eine Eselsbrücke für das Wort gefunden? Einen persönlichen Gedanken oder eine Erfahrung?

Was es auch ist, wenn es euch hilft, euch etwas besser zu merken, rein damit in die Karte. Rauslöschen kann man später immer noch.

Zu viel Aufwand?

Es ist klar, dass es grundsätzlich aufwendig ist, Karten in Anki zu gestalten und dass die dargestellten Tipps einen noch größeren zeitlichen Aufwand darstellen. Wie gesagt, Anki ist kein Wundermittel, es ist nur ein Instrument.

Aber versucht doch einfach mal, ein paar Karten aufzubessern und schaut euch an, welchen Erfolg ihr erzielt. Ich stelle mal die These auf, dass sich zwar der anfängliche Aufwand erhöht, sich dafür aber der Lernaufwand um einiges reduziert. Überlegt nur, um wie viel mehr ihr euch schon mit einem Wort beschäftigt habt, wenn ihr es nicht nur in die Karte kopiert, sondern zusätzlich markiert, in eine Suchmaschine eingebt, um ein Bild zu finden, eine Sounddatei sucht und sie anhört.

Außerdem kann man eine Karte immer auch noch später bearbeiten, wenn man merkt, man kann sich den Inhalt nicht gut merken. Ich suche zum Beispiel Sounddateien meistens erst später, wenn die Vokabeln dann zum ersten Mal beim Lernen daherkommen.

Und überhaupt möchte ich noch mal betonen: Schnell und ohne Aufwand geht beim Sprachen lernen sowieso nichts 🙂

Von | 2018-06-29T13:06:09+00:00 Juli 12, 2018|Die Welt der Sprachen|