Das Währungssystem in Regency-Romanen

Liest du gerne Romane, die in der sogenannten Regency-Zeit bzw. auf Deutsch auch Regentschaftszeit, spielen? Die Regency-Zeit beschreibt konkret die Epoche 1811-1820 in England (und Irland). In dieser Zeit wurde das Königreich nämlich nicht von König George IV. selbst regiert, der durch eine Krankheit nicht dazu imstande war, sondern von seinem Sohn, dem Prinzregenten – dem späteren König George V. ‒ in seinen Geschäften vertreten wurde.

In dieser Epoche spielen einige Liebesromane, die derzeit von vielen Leserinnen (und sicherlich auch Lesern!) verschlungen werden. Ich selbst freue mich, für die britische Erfolgsautorin Alicia Cameron ihre Regency-Romane – gemeinsam mit meiner wunderbaren Lektorin Astrid Stangl – ins Deutsche übersetzen zu dürfen (eine Titelübersicht findest du hier).

Vor gut 200 Jahren und dann auch noch in England – da war vieles anders und unter einigen Begrifflichkeiten können wir uns nur wenig vorstellen. Ein Problem, auf das ich selbst während des Lesens und Übersetzens immer wieder gestoßen bin, ist das eigenartige Währungssystem: Warum ist eine Frau mit einem jährlichen Einkommen von 5.000 Pfund bereits ein Hit auf dem Heiratsmarkt? Uns erscheint diese Summe als nicht besonders hoch, aber zur damaligen Zeit konnte man sich damit ein gutes Leben leisten. Und was sind jetzt noch mal diese Sovereigns? Und Shillings? (Besonders schwierige Frage für eine Österreicherin, die alt genug ist, um ihre ersten Süßigkeiten noch in Schilling statt in Euro bezahlt zu haben).

Daher habe ich für euch mal eine kleine Übersicht über das alte Währungssystem Englands zusammengestellt:

Übersicht

Das Dezimalsystem wurde in England erst sehr spät, im 20. Jahrhundert eingeführt. Grundsätzlich war das Währungssystem zur Regency Zeit so aufgebaut:

Pfund > Shilling > Pennies

  • 1 Pfund = 20 Shillings
  • 1 Shilling = 12 Pence
  • 1 Pfund = 240 Pence

Hinzu kommt, dass es verschiedene Bezeichnungen für die einzelnen Münzen gab und so ist in Regency-Romanen eine Vielzahl an Begriffen zu finden, die für Verwirrung stiften können. Hier eine Übersicht der wichtigsten von unten nach oben:

  • 2 Farthings = 1 halber Penny (also 4 Farthings = 1 Penny)
  • 2 halbe Pennies = 1 Penny
  • 1 Sixpence = 6 Pennies
  • 2 Sixpences = 12 Pennies = 1 Shilling
  • 2 Shillings = 1 Florin
  • 1 Florin + 1 Sixpence (= 2 Shillings 6 Pence = 30 Pence) = 1 halbe Krone
  • 2 halbe Kronen = 1 Krone
  • 1 Pfund + 1 Shilling = 1 Guinea
  • 1 Sovereign = 1 Pfund (diese Goldmünze wurde 1817 eingeführt)

Verwirrend? Ja, durchaus, mir hat beim Schreiben der Kopf ordentlich geraucht 🙂

Kaufkraft

Was bedeuteten also 5.000 Pfund in der damaligen Zeit. Mithilfe verschiedener Währungsrechner im Internet kann die Kaufkraft eines solchen Betrages ermittelt werden, zum Beispiel hier:

http://www.nationalarchives.gov.uk/currency-converter/#mid

Ich habe den Versuch mal mit 5.000 Pfund im Jahr 1810 gemacht und herauskommt eine äquivalente Kaufkraft von circa 230.000 GBP, in etwa 260.000 EUR (alles grob gerundet). Nicht so schlecht… eine Frau, die im Jahr 260.000 EUR ausgezahlt bekommt… damit lässt es sich leben und ist definitiv heiratswürdig 😉

Der Währungsrechner beschreibt die Kaufkraft noch genauer: 5.000 Pfund war das Einkommen eines gewöhnlichen Händlers in 33.333 Tagen à also im Prinzip eine unvorstellbare Summe für einen Durchschnittsengländer. Außerdem konnten damit 476 Pferde oder 1.000 Kühe gekauft werden.

Eine Frage der Übersetzung

In der Übersetzung eines solchen Romans stellt sich auch die Frage, wie mit diesen Begrifflichkeiten umgegangen wird. Lässt man alles auf Englisch? Gibt es deutsche Entsprechungen?

Für Pound gibt es ganz klar das deutsche Wort Pfund, das hierzulande auch ein gängiger Begriff ist. Die Entscheidung ist also, will man den fremdsprachigen Esprit vollends integrieren und arbeitet man mit 10 pounds (bzw. in der Schreibung 10 Pounds) oder mit 10 Pfund? Es ist im Grunde eine subjektive Entscheidung. Ich arbeite mit dem deutschen Wort 10 Pfund, da ich denke, dass es dem deutschsprachigen Leser gerade auch im Zusammenhang mit der britischen Währung ein Begriff ist.

Etwas anders stellt sich die Überlegung bei den weiteren Münzen dar. Laut Wikipedia wäre ein Guinea auf Deutsch eine Guinee. Ein Penny bleibt überhaupt ein Penny und der Sovereign ebenfalls. Bei diesen Münzen bleibe ich bei der Bezeichnung und Schreibung, immer mit männlichem Artikel.

Der Shilling, ehrlich gesagt ein Zwiespalt für mich und es ist eine Lust-und-Laune-Entscheidung. In manchen Übersetzungen arbeite ich mit der englischen Schreibung Shilling, manchmal mit der deutschen Schreibung Schilling. Wichtig ist natürlich, dass innerhalb eines Buches nicht zwischen der Schreibung gewechselt wird (was hoffentlich auch nicht vorkommt :/) Aber beide Schreibweisen lassen den deutschsprachigen Leser das Wort intuitiv richtig aussprechen, daher sehe ich hier kein Problem.

Was ich wirklich ins Deutsche übersetze sind so Begriffe wie halber Penny. Halfpenny oder sogar Ha’Penny, das war mir dann zu Englisch in der deutschen Übersetzung, ich denke, dass „ein halber Penny“ für den deutschen Leser angenehmer ist.

Im Fokus meiner Entscheidung steht immer das Wohl des Lesers, ich möchte fremden Charme beibehalten, aber auch ohne große Verwirrungen durch den Text führen.

Hoffentlich helfen dir diese Infos, wenn du das nächste Mal gedanklich ins Alte England reist. Happy Reading!

 

Von | 2018-07-18T13:40:05+00:00 Juni 20, 2018|Arbeiten mit Sprachen|