Die faszinierende Bedeutungsvielfalt inhaltsloser französischer Wörter

Was macht eigentlich die Faszination von Sprachen aus? Jeder mag darauf seine eigene Antwort finden, aber ich bin immer wieder aufs Neue davon fasziniert, wie unterschiedlich Sprachen funktionieren. Dabei spreche ich gar nicht unbedingt, von entfernten Sprachen, die Grammatikphänomene beinhalten, die uns Deutschsprachige vor unergründliche Rätsel stellen. Es sind so Kleinigkeiten, die man entdeckt, wenn man in tiefer in eine Sprache eintaucht.

Ein solches Faszinosum verfolgt mich im Französischen. Es ist mir tatsächlich erst aufgefallen, nachdem ich tiefer in die Sprache eingetaucht bin und aufgrund meines Umzugs viel mit der Alltagssprache zu tun habe, aber: Der französische Wortschatz hat soooooo viele Wörter, die einfach alles und eigentlich doch nichts heißen. Herrlich. Es gibt einen Haufen französischer Wörter, von denen ich mir wünschte, sie würden auch im Deutschen existieren – es sind solch leere Worthülsen, dass man sie einfach IMMER verwenden kann.

Eine kleine Zusammenstellung meiner französischen Lieblingswörter:

profiter

Wenn man im Wörterbuch profiter nachschlägt, dann wird einem der Bedeutungsreichtum und die Nützlichkeit es Wortes vollkommen unterschlagen. Denn neben der für uns vielleicht offensichtlichen Bedeutung profitieren, Nutzen ziehen (vgl. profitieren) kann profiter für alle möglichen positiven Wörter stehen: genießen, erholen, fein haben,…

Der simple Satz Profite! kann super als Verabschiedung in allen möglichen Situationen verwendet werden: Die anderen sitzen noch bei einem Glas Wein zusammen. Die Verabschiedung im Büro vor den Weihnachtsferien (Der Hinweis, man sollte von Weihnachten profitieren, ist dabei vollkommen sinnlos, trägt viel zu viel Inhalt in sich und ist somit unfranzösisch. Aus dem Kontext ist schon klar, wovon man profitiert.) Die Tante macht sich auf den Weg ins Museum etc. Man liegt einfach nie falsch 🙂

Wenn einem die fremdsprachlichen eloquenten Worte auf die Frage, ob man einen angenehmen Tag am Strand verbracht hat, fehlen, einfach: Oui, on a (oder j’ai) bien profité. Mehr will der Franzose nicht hören! Keine Erklärungen notwendig, es drückt in einem Satz alles Positive aus, das man erlebt hat.

Ein weiterer Standardsatz, der eigentlich fast immer funktioniert: Il faut en profiter – ungefähr so wie “Man muss es nutzen, die Gelegenheit nutzen etc.” Keine weitere Erklärung notwendig: Il faut en profiter – wenn man über das gute Wetter spricht, über das schlechte Wetter spricht als Erklärung warum man mondäner Hausarbeit nachgeht, weil Samstag ist, weil Sonntag ist, weil Montag ist ‒ der Grund ist vollkommen egal, der Satz ist immer anwendbar. Herrlich!

bouger

In der Grundbedeutung bedeutet bouger so viel wie bewegen. Und bei den Franzosen kann man sich einfach immer bewegen.

Wenn man in letzter Zeit viel unterwegs war: J’ai bougé. Jeder scheint dann zu verstehen, dass man ständig von A nach B gelaufen ist, viele Termine hatte, viel unterwegs war – was immer es auch im Detail gewesen sein sollte, der Gesprächspartner scheint ein perfektes Bild vor seinen Augen zu haben.

Wenn jemand fragt, warum man denn in letzter Zeit viel unterwegs war, viel gearbeitet hat: Il faut bouger – frei übersetzt vielleicht mit: Man muss was weiterbringen? Von nichts kommt nichts? Aber das sind nur mittelgute Lösungen, sie tragen alle nicht diese wunderbare Inhaltslosigkeit bei gleichzeitiger Bedeutungsvielfalt aus 🙂

Ja, man kann das Wort sogar für einen Angebeteten verwenden, der etwas verschlossen ist und man vor dementsprechende Rätsel gestellt wird. So kann in einem klassischen Mädlstratschabend einfach gesagt werden: Il ne bouge pas. = Er bewegt sich nicht, er rührt sich nicht, vielleicht im Sinne er lässt sich nichts anmerken. Er meldet sich nicht. Aber alles nicht so toll, wie il ne bouge pas, denn damit ist einfach schon alles gesagt.

s’installer

Sich installieren – ein Traum. Kann man immer verwenden, wenn man sagen möchte, dass man sich an einen Ort begeben hat:

  • Est-ce que je peux m’installer ici? (Kann ich mich hier hinsetzen)
  • Im Café: Installez-vous (Im Grunde: Setzen Sie sich, wohin Sie wollen)
  • Ils se sont installés ici (Sie sind hierher gezogen, sie haben sich hier niedergelassen)
  • Je me suis bien installée (Ich habe mich gut eingelebt, ich habe mich gut zurechtgefunden – je nach Kontext, alles ist möglich)
  • Am Strand, wenn man eine Stelle für das Ausbreiten des Handtuches vorschlagen will: On s’installe ici? (Bleiben wir hier?)

Ein Beispiel: Ich bin in Frankreich in einem Coworking-Büro. Hier habe ich einen fixen Schreibtisch, an dem ich mich selbstverständlich installée habe. Aber wenn ich den Besprechungsraum brauche und die anderen Coworker darüber informiere, sage ich: Je vais m’installer dans la salle de réunion.

Vielleicht ziehe ich mir nur zum Telefonieren zurück und will die anderen darüber informieren, dass sollten sie den Besprechungsraum brauchen, sie einfach reinkommen können, dann werde ich woanders hingehen. Dazu sage ich selbstverständlich: Mais si besoin, je peux bouger (siehe oben)

Du coup

Das Wort bzw. die Wendung habe ich so nicht einmal im Wörterbuch gefunden, ist aber unverzichtbar für jeden, der länger als fünf Minuten in Frankreich verweilt. Du coup bedeutet wirklich gar nichts. Es wird einfach wahllos in Sätze eingebaut, vorzugsweise, um ein neues Thema anzuschneiden. Vielleicht vergleichbar mit “übrigens”? Aber im Grund bedeutete es: “Ich stelle jetzt eine Frage zu einem Thema, das wir im letzten Satz nicht behandelt haben, Achtung es kommt:”

Et du coup vous venez d’où?

Du coup, (hier am besten noch das coup langziehen und in ein äääää übergehen lassen, um eine Pause anzudeuten) tu n’a pas vu …?

Baaaah, du coup, j’ai pas. (Mei, du, eigentlich weiß ich es nicht)

Das Wort coup wird übrigens sehr gerne für alle möglichen Wortbildungen verwendet und steht vor allem für spontane, unvorhergesehene Dinge wie einen Schlag oder alles in diese Richtung geht:

  • coup de pie = Fußtritt
  • coup de vent = Windstoß
  • coup de foudre = Liebe auf den ersten Blick
  • sur le coup = im ersten Moment

Das gleiche gilt übrigens für die Füllwendung “en fait”, die aber viel mir in Antworten verwendet wird. Die beiden Wendungen gehen mir im Deutschen ab. Wenn ich lange Zeit der französischen Sprache ausgesetzt bin und dann z. B. Deutsch spreche, erwische ich immer wieder dabei, dass ich meine Sätze mit du coup oder en fait beginnen will. Aber ich halte mich zurück 🙂

Auch wer noch totaler Französischanfänger ist, mit diesen Vokabeln klingt man einfach immer authentisch. Der folgende Satz ist übrigens vollkommen legitim und Französisch: Du coup, on a beaucoup bougé et bien profité mais maintenant on s’est installé ici et profite du coin. (Ach, wir waren viel unterwegs/sind viel gereist/haben immer woanders gewohnt [je nach Kontext], aber jetzt sind wir hier/haben wir uns niedergelassen/bleiben wir erstmal eine Weile hier [je nach Kontext] und genießen [die Vorzüge] die Gegend).

Ich gebe zu, zu Beginn meiner Französischkarriere, die noch auf die Schulzeit und die ersten Berufsjahre zurückgeht, war ich kein großer Fan dieser Sprache. Aber jetzt, wo ich immer tiefer eintauche, muss ich sagen, ich bin begeistert. Es gibt noch viel mehr solcher tollen Wörter, die einfach so herrlich nichts bedeuteten, ich werde die Liste also weiter ergänzen, wenn mir was auffällt.

Von | 2018-01-09T15:15:03+00:00 Dezember 24th, 2017|Die Welt der Sprachen, Sprachen der Erde|0 Kommentare