Du oder Sie? Die tückische Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche

Die Englischsprachigen haben es ja einfach, könnte man meinen. Sie verwenden ausschließlich die Form you. Im Deutschen (und in vielen anderen Sprachen) hadern wir ab und an damit, ob wir eine Person duzen oder siezen sollen. Die Entscheidung ist abhängig von allgemeinen gesellschaftlichen Konventionen, aber auch von der Region (wir Tiroler duzen beispielsweise viel schneller), vom Umfeld oder ganz allgemein vom jeweiligen Kontext.

Bei der Übersetzung eines Romans ins Deutsche müssen wir uns ebenfalls die Frage stellen: Duzen oder Siezen sich zwei Personen gerade?

In vielen Situationen wird die Antwort eindeutig sein: Freunde, Liebespaare oder Familienmitglieder duzen sich, hat unsere sprechende Person mit der Polizei zu tun, wird sie sie siezen, oder? Ganz so einfach ist es aber dann doch nicht – denn ist die Person zum Beispiel ein ungebildeter, unhöflicher Schlägertyp, wird er den Polizisten vielleicht eher mit Du anschreien… Beim Übersetzen, aber auch beim Lesen von Übersetzungen oder beim Ansehen von synchronisierten Serien sind mir hier schon öfters Situationen begegnet, in denen ich intensiv nachdenken musste, wie ich das lösen würde, oder ich mich über die Wahl der Du- oder Sie-Form gewundert habe. Ich gehe gleich auf einige solche Dinge ein.

Der Ausdruck der Höflichkeit im Englischen

Auch wenn viele es nicht wissen und auf den ersten Blick eine andere Vorstellung haben, das Englische ist eigentlich eine äußerst höfliche Sprache. You wird in Lehrbüchern allgemein mit du übersetzt und es wird angegeben, dass es keine separate Höflichkeitsform gibt.

Allerdings war es im frühen modernen Englisch so, dass es tatsächlich zwei Formen gab: you und thou (letztere Form ist heute noch beispielsweise in Bibeltexten zu finden, aber auch in klassischen Werken wie Shakespeare). Damals war you die förmliche Anrede und wurde für höhergestellte Personen gebraucht, zum Beispiel den König. Untergebene wurden mit thou angesprochen.

Das bedeutet, dass im Englischen eigentlich nicht das Duzen überlebt hat, sondern dass heutzutage jeder gesiezt wird.

Hinzu kommt, dass weitere Floskeln verwendet werden können, um zusätzlich Höflichkeit auszudrücken:

What can I do for you, Sir?”, fragt zum Beispiel der Angestellte in einem Geschäft seinen Kunden.

Can I help you, Ma’am?”, ist ebenfalls ein gängiger Satz, den ein wohlerzogener Fremder gegenüber einer Frau formulieren wird, die er nicht kennt.

Can I have some more cookies, Mrs. White?” In beinahe jeder amerikanischen Fernsehserie sprechen Kinder die Eltern ihrer Freunde (zumindest die wohlerzogenen in den Vororten) mit Mr. oder Mrs. an.

Auch das noch so höflichste Kind wird im Deutschen die Mutter seines Spielkameraden niemals mit “Frau XY” ansprechen, auch wenn er die Mutter vielleicht siezt. Wenn doch, würde es meiner Meinung nach äußerst unnatürlich klingen.

“Call me Jenny”

Das Englische kennt eine Abstufungsebene der Distanz, die wir im Deutschen meistens nicht verwenden (es bleibt abzuwarten, wie sich diese Tendenz durch den Einfluss des Englischen verändern wird): das Angebot, jemanden mit dem Vornamen anzusprechen.

Auch wenn es hier keine klaren Regeln gibt, würde ich mal sagen, jemanden mit dem Vornamen anzusprechen, spricht im Deutschen noch eher für das Du als das Sie. Auch wenn vor allem in bestimmten beruflichen Kontexten das anders gelebt wird.

Wie dem auch sei, was wir im Deutschen allerdings sicherlich nicht tun, ist jemandem “den Vornamen anzubieten.” Der Satz „Nennen Sie mich Jenny” ist entweder immer eine Übersetzung oder spielt auf jeden Fall in einem englischsprachigen Umfeld.

Den Satz würde man doch nicht einfach so im Deutschen gegenüber einem anderen Deutschsprachigen verwenden, oder? (Mir ist natürlich klar, dass das alles persönliche Sichtweisen sind :))

Hinzu kommt, dass dieses Angebot des Vornamens im Englischen noch keinesfalls mit einem Duzen im Deutschen zu vergleichen ist. Daher auch: “Nennen Sie mich Jenny” oder “Darf ich Sie Jenny nennen.” Denn nach diesem Angebot wird das Gegenüber Jenny weiterhin siezen.

Die Schwierigkeiten mit der Übersetzung

Was macht man nun also, wenn man solche Texte zu übersetzen hat? Die Frage ist eine ‒ ich schicke es gleich voraus ‒ für die es keine eindeutige Antwort gibt. Es lässt sich allerdings in Büchern und Serien eine bestimmte Tendenz erkennen, die mir persönlich aber nicht immer gefällt.

In vielen Übersetzungen wird nämlich das Original beibehalten und einfach übersetzt.

Can I have some more cookies, Mrs. White” wird dann zu: “Kann ich noch ein paar Kekse haben, Mrs. White?

Klingt doch eigentlich unnatürlich für ein Kind, oder? Es wird für unsere deutschen Ohren etwas angenehmer gemacht, weil Mrs. White zumindest darauf hindeutet, dass es irgendwo im englischsprachigen Kontext verankert wird – daran haben wir uns schon gewohnt.

Eine komplette Verdeutschung à la: „Kann ich noch ein paar Kekse haben, Frau White?”, das würde ja in dieser Situation absolut eigenartig klingen, oder nicht?

Can I help you, Sir?” wird häufig zu „Kann ich Ihnen helfen, Sir?” Gleiches Thema, wir verbinden das Sir mit einem fremdsprachigen Kontext und akzeptieren es. „Kann ich Ihnen helfen, mein Herr?” wäre auf jeden Fall zu viel des Guten, wenn wir uns nicht gerade im 19. Jahrhundert im Landhaus eines Grafen befinden.

Mit den dargestellten Varianten (z. B. Bla bla bla, Mrs. White) kann ich persönlich eigentlich ganz gut leben und ich wähle sie meist ebenso für meine Übersetzung. Ganz selten, meist wenn es mir innerhalb eines Romans zu viel wird, streiche ich mal eines raus. Dann wird es halt: „Kann ich bitte noch Kekse haben?

Denn der Satz erfüllt dann nach wie vor seine Funktion: Das Einfügen von bitte ist der höfliche Teil auf jeden Fall enthalten und der deutschsprachige Leser würde niemals denken, ach hier fehlt ein Mrs./Frau White. Wie gesagt, das ist meine eigene Meinung und Strategie, die ich von Fall zu Fall anwende und mir ist durchaus klar, dass hier die Meinungen auseinandergehen.

Von der Höflichkeit gegenüber Mitbewohnern und vor dem ersten Kuss…

Auf diesen Teil des Artikels habe ich mich besonders gefreut, denn endlich kann ich mir mal etwas Frust von der Seele schreiben…

So oft habe ich mir deutsche Synchronisierungen von amerikanischen Fernsehserien angesehen und habe mich furchtbar darüber geärgert, wie mit der Frage Du/Sie umgegangen wird.

Mein Lieblingsbeispiel dazu ist die Serie Elementary (wer’s nicht kennt, amerikanisches Sherlock Holmes mit Lucy Liu als weiblicher Dr. Watson – sehr empfehlenswert).

Okay, ich verstehe, dass sich Sherlock und Watson zumindest am Anfang noch siezen, immerhin ist sie eigentlich als eine Art Therapeutin angestellt. Aber dann machen sie sich gemeinsam auf Verbrecherjagd, wohnen als Mitbewohner im selben Haus und retten sich gegenseitig mehrmals das Leben… Ganz ehrlich: Wenn ich mich mit jemandem in einer solchen Vertrauenssituation befinde, würde ich den doch niemals mehr siezen? Ich würde schon mal meinen gleichberechtigten Arbeitskollegen nicht siezen, aber darüber kann man noch streiten. Aber wer in aller Welt siezt seinen Mitbewohner? Und spätestens nachdem mir jemand das Leben gerettet hat… naja, damit habe ich Gott sei Dank keine Erfahrung, aber ich würde mal sagen, da ist man sich doch auch recht nahe.

Also bei der all der Liebe zu Elementary, aber die Wahl für Du & Sie ist besch…eiden.

Aber wenn ihr mal die Augen offen haltet, das passiert in ganz vielen Synchronisierungen und Übersetzungen. Meine Freundin Theresia hat mir in der Diskussion, die diesem Artikel vorausgegangen ist, verraten, dass sie mal auf der Uni gehört hat, dass es wohl beim Synchronisieren so eine Regel gibt, dass die Personen sich nach dem ersten Kuss duzen. Hallooooooooo????? Ich würde schon überhaupt niemals jemanden küssen, den ich noch sieze… Wie absurd ist das denn – wenn es nicht gerade der Earl von und zu um 18. Jahrhundert ist???

Beispiele/Probleme bei meinen eigenen Übersetzungen

Jetzt stehe ich bei Buchübersetzungen natürlich öfters vor der Entscheidung: Duzen oder Siezen. Ich persönlich vertrete die Auffassung, dass man sich beim Du und Sie an die Konventionen des Zielpublikums anpassen sollte (im Gegensatz dazu bin ich ansonsten dafür, so viel wie möglich an fremdem Charme im Text zu behalten) und nehme daher immer wieder Adaptierungen vor.

Beispiel: Eine umweltverträgliche Hochzeit

In diesem Roman, der in unserer Zeit spielt, unterhält sich der Protagonist Ryan Andersen häufig mit seinem Vater. Selbstverständlich sind Vater und Sohn per Du. Aber an mindestens einer Stelle im Roman spricht Ryan seinen Vater mit Sir an, z. B. „As you wish, Sir.“

Jetzt kann ich im Deutschen aber Du und Sir nicht verbinden: „Wie du willst/wünschst/möchtest, Sir“… äh nein.

Ich kann natürlich auch nicht ins Sie übergehen (außer es wäre vielleicht ironisch gemeint).

Meine Lösung war daher: „Wie du möchtest.“ – das heißt, ich habe das Sir einfach gestrichen. Die Antwort war im Kontext für deutsche Ohren ebenfalls höflich und im Kontext natürlich. Ziel also erreicht.

Beispiel: Regency Romance

Bei den Romanen, die ich für die britische Autorin Alicia Cameron übersetze, gestaltet sich die Frage etwas schwieriger, denn die Geschichten spielen im England des frühen 19. Jahrhunderts in der gehobenen Gesellschaftsklasse. Hier wurde einfach viel mehr gesiezt, auch unter Familienmitgliedern.

Ich muss daher für jeden der Romane immer wieder neu entscheiden, wer wie mit wem spricht. Ich persönlich bin eher freier mit dem Duzen, andere Übersetzer würden sicher noch viel rigoroser siezen.

Ich zum Beispiel lasse die Kernfamilie per Du sein. Das heißt, der Vater duzt seine Kinder und die Kinder duzen den Vater, auch wenn man hier argumentieren könnte, dass die Kinder den Vater durchaus siezen sollten. Ich verstehe das Argument, ich entscheide mich für das Du, weil ich finde, die Eltern zu siezen in unserem Verständnis bereits zu fremd und womöglich störend ist.

Mädchen und junge Frauen im gleichen Alter duzen sich in meiner Übersetzung dieser Romane ebenfalls, wenn sie befreundet sind. Junge Männer, die zusammen zur Schule gegangen sind ebenfalls. Männer unterschiedlichen Alters siezen sich meistens oder gehen irgendwann zum Du über. Falls notwendig füge ich hier einen erklärenden Satz ein, wie: „In der Aufregung des Gefechts war er in das vertraute Du übergegangen“. (Auch über diesen gravierenden Eingriff in den Originaltext lässt sich streiten!)

Männer und Frauen siezen sich hingegen meist, außer es sind Geschwister oder Freunde aus Kindheitstagen. Sobald sie verlobt sind, gehe ich meist ins Du über.

Wie gesagt, viele Entscheidungen sind zu treffen, und manchmal ist es in einem Einzelfall nicht leicht. Bei all diesen Fällen könnte man sich auch gänzlich anders entscheiden und argumentieren.

Beispiel: Mord alla Marinara

Dieser Roman wurde von meiner Freundin Theresia übersetzt und ich habe mich um das Editing gekümmert. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit kam es auch zu ausführlichen Diskussionen, wie wir in diesem Buch mit dem Thema umgehen. Wir hatten verschiedene Kriterien, die wir beachten mussten:

  • Die Zeit: Kurz nach Ende des 2. Weltkrieges
  • Verschiedene Altersklassen: Vom Kind bis zur 90-jährigen Nachbarin war alles dabei
  • Umfeld: Amerika, aber die italienische Community – und Italiener duzen sich bekanntlich schneller; außerdem handelt es sich um eine eingeschworene Nachbarschaft, die sich gut kennt und die sich gegenseitig hilft
  • Teilweise Gangstermilieu: Der Handlanger des Mafiabosses greift schneller zum Du als vielleicht der Mafiosi selbst, der auf Klasse und Stil setzt.

Und so haben wir für fast jede Beziehung im Buch, mochte sie auch noch von so kurzer Dauer sein, entschieden, ob die Personen sich duzen oder siezen. Es war teilweise nicht einfach, aber wir haben Lösungen gefunden, mit denen zumindest wir beide zufrieden waren und wir hoffen, die Leser auch.

Schlusswort

Bei all diesen Dingen gibt es viele Möglichkeiten, viele Ansichten. Ich glaube, man hat in einer Romanübersetzung zum Thema Du/Sie dann die richtigen Entscheidungen getroffen, wenn sich der Leser nicht daran stößt. Wenn für den Leser alles natürlich geklungen hat und er nicht einmal auf den Gedanken kommt, dass sich der Übersetzer Gedanken über die Wahl von Du/Sie gemacht hat, dann würde ich sagen, die Arbeit ist geglückt.

Ob es mir und meinen Kolleginnen in den jeweiligen Übersetzungen gelungen ist, entscheidet ihr am besten selbst 🙂

 

 

Von | 2018-01-29T16:23:10+00:00 Januar 29th, 2018|Arbeiten mit Sprachen|0 Kommentare