Livebericht aus der Ich-komme-nicht-weiter-Zone

Ich gebe es zu, diesen Blogpost verfasse ich vor allem eigennützig. Praktisch als therapeutisches Mittel. Es soll ja anscheinend gut für die Seele sein, sich den Frust von der Leber zu schrieben – oder so ähnlich.

Jedenfalls, es hat mich erwischt. Volle Wucht. Diese grauenvolle, durchsichtige Wand, die sich der armen, motivierten, nichts ahnenden Sprachenlernerin irgendwo auf dem Weg zwischen B2 und C1 entgegenstellt. Und patschert wie ich bin (auf Hochdeutsch könnte man auch unbeholfen sagen, aber das trifft den Kern des Ganzen nicht richtig) und mit dem Orientierungssinn eines Goldfisches bin ich natürlich dagegen gekracht. Autsch.

Dabei könnte man meinen, ich hätte doch alles richtig gemacht: Jetzt bin ich doch eh in das Land gezogen, in dem die Sprache gesprochen wird (ah ich hätte erwähnen sollen, ich spreche von français), umgebe mich zu 98 % nur mit Einheimischen, führe meinen Alltag nur in dieser Sprache, ja ich denke und träume sogar auf Französisch. Zudem lerne ich jeden Tag brav meine Vokabeln in Anki, hole meine Lingots auf Duolingo und lerne brav systematisch (siehe auch meine Rezension zu Assimil).

Seit Juli bin ich nun in Frankreich und mein Niveau konnte zu Beginn als irgendwo zwischen B1 und B2 beschrieben werden. Und jetzt, nach über einem halben Jahr später, unter den eben genannten Umständen, weiß ich zwar, dass mein Französisch besser wurde, ich bewältige meinen Alltag ausschließlich auf Französisch und würde daher sagen: Ja, ich spreche fließend Französisch,

AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAABER!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Wenn ich mir selbst beim Sprechen zuhöre, bekomme ich nach wie vor… naja, sprechen wir nicht über ekelregende Krankheitsbildern. Ja, ich kann mich verständlich machen, ja, ich verstehe die anderen, ja, ich bin sogar beinahe so schlagfertig und gehässig wie ich es auf Deutsch bin (wer bereits in den Genuss gekommen ist, mich näher kennenzulernen, weiß wovon ich spreche J).

Aber in all diesen Kommunikationssituationen gibt es Momente da,

  • ist mein Mund nicht in der Lage, die einfachsten Wörter zu modulieren
  • weiß ich, dass ich den Subjonctif brauche und vergesse dabei auf sämtliche andere Grammatik
  • möchte ich mir auf die Stirn hauen und sagen: Echt jetzt?

Hinzu kommt mein petit accent, der absolut nicht zu verleugnen ist und auch wenn mir jeder einreden will, dass er mignon ist – NEIN: Er ist nicht mignon, er ist einfach nur kacke. Zumindest halten mich die Leute hier meist für eine Engländerin. Immerhin schon mal besser als der Standard-Deutsch-Akzent, aber weit entfernt von superdupermegaklasse.

Das Paradoxe

Ich kann stundenlange Gespräche über Gott und die Welt führen, fragt mich nicht welche philosophischen oder absurden Themen. Aber währenddessen kommen mir immer wieder Fehler und Sachen raus, wo ich mir denk, bist du bescheuert oder was?

Und jetzt mal ganz ehrlich, wie kacke ist das? Du lernst jeden Tag, sowohl strukturiert mit Buch/Material etc., als auch durch viele Gespräche, Fernsehen etc. und im Grunde genommen hast du das Gefühl, dass dein Niveau jeden Tag sinkt.

Mal rationell betrachtet…

So, jetzt bin ich ja von der positiv denkenden Menschensorte und zum Glück beschäftige ich mich nicht erst seit gestern mit dem Sprachenlernen – denn ganz ehrlich, sonst müsste ich doch glatt in diesen unmotivierten Reigen derer einsteigen, die nur sagen: Ach, das ist alles so schwer, das werde ich nie schaffen.

Nein, viele intelligente Menschen haben uns bereits aufgezeigt, sei es in Blogposts, YouTube-Videos oder Vortragen, dass es beim Sprachenlernen diese Ich-komme-nicht-weiter-Zonen gibt. (An dieser Stelle: Danke!) Die erste dieser Zonen kommt meistens wenn der anfängliche Beginnerenthusiasmus einer Sprache nachlässt, die zweite wenn man – ich bleibe hier mal beim Englischen – from good to great geht.

Der Schritt from good to great ist so riesig, er fühlt sich manchmal unschaffbar an. Zudem kommt hinzu, dass in dieser Zone (ich stelle sie mir übrigens als trostlose Einöde mit viel Stacheldraht vor, ein bisschen westernmäßig) das eigene Gehirn einen vollkommen im Stich lässt, denn es ist viel zu sehr dabei, all die Dinge, die es über die Monate und die Jahre aufgenommen hat, zusammenzusetzen:

Die Grammatik wird immer komplexer und wird zudem in immer komplizierteren Gesprächssituationen angewendet. Auf einem Niveau B2 fragt man nicht einfach nur noch nach dem Weg, nein, man zieht schon mal einen Vergleich verschiedener Gesellschaftssysteme. Auch wenn die Grundgrammatik erlernt ist, die Komplexität der Gespräche erfordert es, beinahe ALLE Kenntnisse gleichzeitig anzuwenden.

Das Gehirn nimmt zudem ständig neue Wörter auf. Auf diesem Niveau reicht der Basiswortschatz nicht mehr aus, plötzlich tauchen an allen Ecken und Enden neue Verben auf. Schrecklich! Zudem lernt man viel mehr Redewendungen und Kollokationen und das Gehirn springt über. Und gerade wenn man jemand ist, der wie ich die Wörter bewusst lernen muss – also hinsetzen, aufschreiben und so weiter – dann kommt mein einfaches Durchschnittsgehirn mit der Fülle an Ausdrücken gar nicht mehr hinterher.

Mit dem Erlernten sind zudem viele Emotionen verbunden, gerade wenn man in ein neues Land zieht: Neben der Sprache müssen ja noch all die Eindrücke über die neuen Personen, Lebensumstände und sozialen Gebräuche verarbeitet werden. Auch die wollen vor arbeitet werden und der Aufwand ist nicht zu unterschätzen.

Bei all dem ist das Gehirn schon angeschlagen und man versucht auch noch, das ganze schöne auszusprechen. Dafür bleibt meist keine Gehirnkapazität mehr übrig und Mund, Zunge sowie Kieferknochen handeln scheinbar unkontrollierbar J

Aber mal ganz ehrlich…

Darf ich es mal ganz offen sagen, es ist echt ein besch…eidenes Gefühl, wenn man sich wirklich anstrengt und jeden Tag bessert wird (ja, denn ganz ehrlich, man wird besser, man merkt es nur nicht) und dann immer und immer wieder die Grenzen der eigenen Kapazitäten erreicht, gleichzeitig – und das ist aber das perfide – ganz genau weiß, dass man es kann. Ich weiß ganz genau, dass ich die Verben richtig konjugieren kann, ich weiß ganz genau, dass ich die richtigen Artikel zu den Wörtern kenne und ich weiß auch ganz genau, wie man die ganzen Wörter richtig schreibt und entsprechend ausspricht. Und doch, in der Hitze des Gefechts… geht’s einfach in die Hose.

Die Lösung…

Die Lösung ist einfach und schwierig zugleich und kein Geheimnis. Durch diese Zone, diese Einöde mit Stacheldraht, muss man sich einfach durchkämpfen. Irgendwo, weit versteckt am Horizont, liegt er, der nächste Abschnitt, in dem man dann die Füße hochlegt und vor allem vergisst, wie sehr man sich vorher gequält hat. Das zu wissen, ändert allerdings nichts daran, dass die Ich-komme-nicht-weiter-Zone furchtbar nervig ist.

Eine Abkürzung gibt es leider nicht, im Gegenteil, die Zone muss man wohl voll auskosten – der Englischsprache würde wohl embrace sagen. Wir müssen wohl die positiven Gedanken nähren und unsere Dummheiten und Fehler voll auskosten – wer weiß, wann wir später wieder Gelegenheit haben, für Lacher zu sorgen. In den Rucksack für den Weg sollte man vor allem folgendes einpacken: eine dicke Haut, Sinn für Humor und gelegentlich auch mal Alkohol, der doch immer wieder Wunder bewirken kann.

Das Gehirn holt irgendwann auf, irgendwann sind es nicht mehr fünfzigtausend Eindrücke/Wörter/Strukturen, die auf einen einprasseln, sondern nur noch dreißigtausend und dann bleibt möglicherweise sogar etwas Gehirnkapazität übrig, um die Lautbildung im Mund zu steuern und manche Wörter sogar annähernd Französisch auszusprechen.

Es heißt also weiter arbeiten, weiter lernen, sich weiter ärgern und dabei vor allem nicht die Motivation zu verlieren. Wie das geschafft werden kann, ist wieder ein ganz anderes Thema, über das ich mich heute nicht auslassen will, denn schließlich will ich mit diesem Post nicht die Sprachenlernerwelt retten, sondern mir nur meinen Frust abschreiben.

Post Skriptum

Während ich diesen Post in die Tastatur geklopft habe, habe ich mich im Coworking mit einer Kollegin über das Thema unterhalten und die meinte, dass ich sehr wohl viele Fortschritte gemacht habe und dass ich nur zu fordernd mit mir selbst bin. Da hat sie sicher recht. Dieser hohe Anspruch ist es nämlich erst, der uns überhaupt in diese Einöde bringt. Würden wir von uns nicht so viel erwarten, würden wir uns vermutlich in der Gruppe derer befinden, die durchs Leben ziehen und mit Überzeugung behaupten, sie sprechen Französisch, nur weil sie ein Glas Rotwein mit weniger als drei Grammatikfehlern bestellen können…

Ein Hoch auf die Perfektionisten und Wahnsinnigen – ja, wir hätten uns auch ein anderes Hobby suchen können, aber wer will das schon…

LINKS:

Rezension Assimil Französisch in der Praxis (B2-C1)

Sprachzertifikate als Motivator für das nächste Sprachprojekt

Von | 2018-03-04T17:08:22+00:00 März 4, 2018|Die Welt der Sprachen|