Ein Roman wird übersetzt – Die Tools

Wie wird eigentlich ein Roman übersetzt? Habt ihr euch diese Frage schon einmal gestellt oder hat es euch vielleicht sogar schon einmal in den Fingern gejuckt, selbst ein Buch zu übersetzen? In dieser Blogpost-Reihe könnt ihr beinahe hautnah am Geschehen dabei sein und den Prozess begleiten.

Bislang ist folgender Artikel in der Reihe erschienen:

Heute geht es darum, welche Hilfsmittel und Werkzeuge ich bzw. dann auch meine Lektorin Astrid während des Übersetzungsprojektes verwenden. Einige davon mögen euch logisch erscheinen, ein paar andere kennt ihr vielleicht noch nicht, vor allem, wenn für euch das Übersetzen an sich neu ist.

Recherchewerkzeug #1: Das Internet

Ich arbeite zu 99,99 % online und digital. So verlockend der Anblick eines großen Bücherregals mit dicken Wörterbüchern auch ist… ich verwende sie einfach nicht. Ich führe alle meine Recherchen schnell und unkompliziert über das Internet durch. Das ist schon so automatisiert, mit Tastenkombination zwischen Übersetzungsprogramm und Browser zu wechseln, die Seite mit dem Online-Wörterbuch (meine 1. Wahl für Englisch-Deutsch ist dict.cc, erst wenn ich da nichts Gescheites finde, schaue ich weiter) ist eh immer offen, oder schnell auf Google oder Wikipedia geklickt.

Ja, und das sind im Prinzip auch die drei Tools, mit denen ich 95 % aller Übersetzungsprobleme für Romane lösen kann: dict.cc, Google (inkl. Google Images) und Wikipedia. Sogar bei Texten, die veralteten Wortschatz beinhalten (wie eben Romane, die in der Regentschaftszeit spielen), finde ich so fast alles.

Ab und zu öffne ich dann noch duden.de, um zu schauen, ob es ein Wort wirklich gibt (gerade wenn man hochgestochen und altmodisch klingen möchte, kommt es manchmal zu eigentümlichen Wortschöpfungen…) oder wenn ich mir mal ganz unsicher mit der Grammatik bin und manchmal steht man einfach auf dem Schlauch und da ist ein Klick in den Duden schneller als nachzudenken 🙂

Ihr seht vielleicht schon, meine Recherche ist beinahe vollständig automatisiert und läuft sehr schnell ab. Ich überlege nicht lange, wie ich ein Wort auf Deutsch ausdrücken kann. Wenn mir nicht gleich eine gute Lösung einfällt, tippe ich das Wort in das Online-Wörterbuch ein, auch wenn ich die Bedeutung eigentlich kenne. Auf dict.cc finde ich dann so viele Übersetzungsmöglichkeiten, dass ich gleich eine Idee bekomme. Außerdem finde ich so super schnell Synonyme. Ich bin keine, die stundenlang Dinge recherchiert, bei mir muss das Nachschlagen effizient sein.

Es gibt viele Kolleginnen und Kollegen, die der Recherche mehr Zeit widmen und das ist natürlich auch okay. Ich persönlich recherchiere von Fall zu Fall, das heißt, wenn ich akut zu einem Wort komme, dass ich a) nicht verstehe, b) wo ich zuerst theoretisch etwas recherchieren muss (z. B. Eigennamen, Konzepte etc.) oder c) wo mir nicht sofort eine schöne Ausdrucksweise einfällt. Da hat jeder seine eigene Arbeitsweise, die sich über die Jahre entwickelt hat.

Doch noch ein Buchtipp

Was sich in diesem konkreten Fall anbietet, in dem ja eine Geschichte aus der Regentschaftszeit übersetzt wird: Es kommen sehr viele Realia aus dem England dieser Epoche vor, die uns Deutschsprachigen nicht immer geläufig sind. Wikipedia liefert da schon recht gute Hintergrundinfos und ich habe mittlerweile auch ein paar Artikel dazugeschrieben. Ich habe mich aber ursprünglich mal mit diesem Buch eingelesen, das mir gut gefallen hat und das mir Astrid empfohlen hat:

What Jane Austen Ate and Charles Dickens Knew: From Fox Hunting to Whist-the Facts of Daily Life in Nineteenth-Century England, von Daniel Pool (Affiliate Link).

Leider finde ich das Buch nicht mehr, ich fürchte, es ist mal einem Umzug zum Opfer gefallen, aber darin wird das Leben im England des 19. Jahrhunderts sehr gut erklärt – auf Englisch halt. Übersetzungen konnte ich mir da natürlich keine rausziehen, aber bei vielen Dingen hilft es mir, die Hintergründe zu verstehen und Übersetzungsentscheidungen zu treffen.

 

Übersetzen leicht(er) gemacht: CAT-Tools

Wer sich zumindest mal ein bisschen mit moderner Übersetzungsarbeit beschäftigt hat, dem ist der Ausdruck CAT-Tool vermutlich schon über den Weg gelaufen. Kurz gesagt: Computer Assisted Translation Tools sind Programmoberflächen, die Übersetzern das Übersetzen erleichtern. Der Text wird Satz für Satz aufgegliedert und das englische Original und der Platz zum Übersetzen werden nebeneinander dargestellt. Das hilft schon mal dabei, schneller zu übersetzen, weil man nicht zwischen zwei Dateien hin und herspringen und dann immer die Zeile suchen muss, in der man sich gerade befand.

Außerdem kann man ein Glossar erstellen und das anfügen. Ich habe zum Beispiel ein Glossar „Altes England“, da speichere ich Ausdrücke ab, die mir in den Übersetzungen häufig unterkommen, aber vor allem auch die Namen. Das Programm erkennt, wenn ein Wort im Text vorkommt, das im Glossar gespeichert ist und schlägt mir die Übersetzung vor. Gerade bei Namen, die ja sehr oft vorkommen, erspart mir das viel Tipparbeit, denn ich muss dann nur den ersten Buchstaben eingeben und bestätigen, dann steht der Name geschrieben. Wenn man sich daran mal gewöhnt hat, spart man sich viel Zeit. Daher speichere ich auch viele Wörter ab, die ich eigentlich im Kopf habe, zum Beispiel Butler. Wenn im englischen Satz „butler“ steht, und ich in der Übersetzung B tippe, schlägt mir das Glossar automatisch Butler vor, ich muss nur noch Enter drücken. Wenn ich weitertippe, weil ich etwas anderes mit B schreiben will, fügt er das Butler an dieser Stelle nicht ein. Das sind dann nur zwei Tastendrücke statt sechs… und glaubt mir, wenn man sich daran mal gewöhnt hat, spart man echt Zeit. Außerdem sinkt das Risiko für Tippfehler.

CAT-Tools sind kein Standardtool für Romanübersetzer, sie werden vor allem von Fachübersetzern genutzt, wegen der Glossarfunktion, aber vor allem, weil man alle Satzpaare, die man mal übersetzt hat, abspeichern kann. Wenn man dann später einen ähnlichen Text hat, erinnert einen das Programm sozusagen daran, wie man den Satz das letzte Mal übersetzt hat und fügt den Vorschlag ein. Dann kann man immer noch umformulieren.

Bei Romanen kommt diese Situation nicht so häufig vor, denn es handelt sich ja nicht um technische, sondern freie, kreative Texte. Dennoch gibt es ein paar so kleine Sätzchen, die immer wieder mal auftauchen wie: „Ach, wirklich?“, Sie lachte. etc. Diese Sätze lasse ich mir dann am Beginn der Übersetzung einfügen und kann sie ggf. wieder abändern, wenn sie in dem Kontext nicht passen. Aber auch hier wieder: Man wird schneller. (Ihr seht schon, ich bin effizienzorientiert :))

Ich nutze SDL Trados, das ist eines der führenden CAT-Tools am Markt und definitiv nicht billig! Da ich aber eine Zeitlang sehr intensiv als Fachübersetzerin gearbeitet habe, kenne ich das Programm und nutze es. Wenn ihr euch nur mal im Romanübersetzen probieren wollt, würde ich euch den Kauf nicht anraten. Dafür ist es zu teuer und bringt zu wenig. Es gibt viele Alternativen am Markt, die teils auch günstiger sind. Außerdem gibt es die Freeware OmegaT. Die Oberfläche ist nicht besonders schön und es dauert, bis man reinkommt, aber das Programm erfüllt seinen Zweck, besonders was die Glossarfunktion angeht. Meine Freundin Theresia, mit der ich an anderen Projekten arbeite, nutzt OmegaT für Buchübersetzungen.

Ich mache übrigens nicht die finale Übersetzung in Trados. Ich übersetze sozusagen einmal alles durch und schaffe die Rohübersetzung. Dann exportiere ich den Text in WORD und mache dort den Feinschliff. Die Datei in Trados wird nicht mehr korrigiert und was da rauskommt ist bei mir auch immer voller Tippfehler und allem. Wie gesagt, ich nutze es für das erste Durchübersetzen, weil es mir Zeit spart.

Ab zum Bearbeiten

Nach der ersten Übersetzung lese ich noch mal ganz grob drüber, um zumindest die offensichtlichsten Tippfehler auszubessern und schon geht das WORD zu meiner jeweiligen Korrekturleserin, in diesem Fall Astrid.

Astrid benutzt Open Office, also im Grunde genommen auch einfach ein Textverarbeitungsprogramm, und bearbeitet die jeweilige Datei. Hier kann man einfach Kommentare einfügen bzw. den Änderungen-nachverfolgen-Modus aktivieren (allerdings muss ich dazusagen, dass bei diesem Modus die Kompatibilität zwischen WORD und Open Office schlecht ist. Wenn ich die Datei dann öffne, sehe ich meistens nur Astrids Version, nicht auch noch das, was vorher schon dort stand. Ist jetzt kein großes Problem, denn ich gehe ja alles durch und die Vorschläge von Astrid sind eh immer gut :))

Beinahe der gesamte Lektoratsvorgang findet dann in den Textverarbeitungsprogrammen statt. Am Ende geht die Gesamtdatei noch einmal an Astrid, die sie durch das Schreibprogramm Papyrus Autor laufen lässt. Hierbei nutzt sie Funktionen wie die Lesbarkeitsstatistik, die anzeigt, wenn Sätze unnötig lang sind, oder die Stilanalyse, die auf Wortwiederholungen oder Füllwörter aufmerksam macht. Das ist oft noch sehr hilfreich, denn wenn man schon richtig im Text drinnen steckt, überliest man solche Dinge oft.

Ganz zum Schluss: reinhören

Noch etwas, was ich persönlich immer zum Abschluss mache, manchmal auch schon während der Bearbeitungsphase: Ich lasse mir vom Computer den Text vorlesen. Damit hört man dann auch noch letzte Tippfehler etc., da der Computer es ja so vorliest, wie es geschrieben steht. Das Auge korrigiert Buchstabendreher ja oft automatisch und übersieht sie. Das Vorlesen kann man in WORD mit der Funktion „Sprechen“ machen. Mein WORD hat sich allerdings vor ein paar Monaten dazu entschlossen, das plötzlich nicht mehr für Deutsch zu können (ja, ich habe versucht, das Sprachpaket neu zu installieren, keine Chance :)), daher nutze ich jetzt diese Seite: https://ttsreader.com/de/

Da kopiere ich immer ein Kapitel rein und lasse es vorlesen. Während es liest, switche ich wieder auf die WORD-Seite und mache eventuelle Änderungen direkt dort.

Zusammenfassung

Die folgenden Programme verwenden Astrid und ich im Rahmen des Übersetzungsprojektes:

  • WORD/Open Office
  • SDL Trados
  • Papyrus Autor
  • Internet, dein Freund & Helfer

Falls ihr konkrete Fragen habt, könnt ihr mir gerne schreiben. Jetzt gehe ich mal fleißig weiter übersetzen 🙂

Von | 2018-09-19T14:11:01+00:00 September 19, 2018|Arbeiten mit Sprachen|