Romanübersetzen auf eigene Rechnung – Einstieg in das Selfpublishing für Literaturübersetzer

Habt ihr euch schon mal darüber Gedanken gemacht, wie viele der Bücher, die ihr in letzter Zeit auf Deutsch gelesen habt, tatsächlich auch vom Autor oder von der Autorin in dieser Sprache verfasst wurden? Tatsächlich ist nämlich der deutschsprachige Literaturmarkt der offenste für Übersetzungen aus anderen Sprachen: Laut den Angaben des Index Translationum, einer Datenbank der UNESCO, ist Deutsch mit Abstand die häufigste Zielsprache, in die literarische Werke übersetzt werden. Die häufigste Sprache, aus der übersetzt wird, ist wenig überraschend das Englische. Und zwar mit Abstand.

Das Übersetzen von Romanen bzw. Literatur hat nur wenig mit dem „klassischen“ Übersetzen von Fachtexten zu tun (über die Eigenheiten dieses Arbeitsfeldes und den notwendigen Kompetenzen gibt es einen eigenen Artikel). Bislang war es so, dass Romanübersetzer vor allem für Verlage gearbeitet haben. Die Verlage erwerben die Übersetzungsrechte beim Rechteinhaber des Originals, kaufen dann die Übersetzung bei einem Übersetzer zu und veröffentlichen sie anschließend im Rahmen ihres Verlagsprogrammes.

Das Internet und seine Möglichkeiten haben auch vor der Revolution des Verlagswesens nicht halt gemacht. Neben den traditionellen Verlagshäusern gibt es für Autoren nun auch die Möglichkeit, ihre Bücher im sogenannten Eigenverlag, auf Neudeutsch Selfpublishing, herauszugeben. Um ihren Markt entsprechend zu vergrößern, möchten auch immer mehr Selfpublisher ihre Werke übersetzen und sie einem fremdsprachigen Publikum zugänglich machen.

Dadurch ergeben sich natürlich auch für Romanübersetzer mögliche neue Modelle der Zusammenarbeit:

Erweiterte Möglichkeiten für Übersetzer durch Selfpublishing

Durch die Zusammenarbeit mit selbstpublizierenden Autoren ergeben sich im direkten Austausch neue Möglichkeiten: Zum einen inhaltlich, da der Übersetzer in der Wahl der Projekte mehr Auswahl hat und nicht so sehr darauf angewiesen ist, bei einem Verlag unterzukommen, der passende Übersetzungen beauftragt. Außerdem kann sich der Übersetzer im Selfpublishing-Bereich die Projekte eher selbst aussuchen und die Entscheidung „Übernehme ich, übernehme ich nicht?“ fällt leichter, wenn einem nicht ständig im Hinterkopf herumgeistert, dass man die Zusammenarbeit mit dem Verlag nicht aufs Spiel setzen will.

Hinzu kommt, dass die Zusammenarbeit mit Selfpublishern Neulingen den Zugang zum Literaturübersetzungsmarkt erleichtern kann. Wer sich später als Literaturübersetzer bei einem Verlag bewirbt und bereits einige Veröffentlichungen vorweisen kann, hat eventuell größere Chancen, dort unterzukommen.

Zum anderen ergeben sich auch andere Möglichkeiten in den Verkaufsmodellen. Verlage bezahlen Übersetzungen im deutschsprachigen Markt üblicherweise nach Normseiten. Darüber hinaus gibt es – je nach Vertrag – die Möglichkeit einer geringen Absatzbeteiligung. Laut einer Honorarumfrage des Deutschen Verbandes der Literaturübersetzer betrug das durchschnittliche Seitenhonorar für eine Romanübersetzung aus dem Englischen ins Deutsche € 17,90. Die Absatzbeteiligung wurde laut der Umfrage in 75 % der Verträge berücksichtigt. Diese beträgt circa 1 %, je nach Vereinbarung aber häufig erst ab dem 1001. Stück.

Lässt man mal die Absatzbeteiligung außer Acht, denn die fällt außer bei wahren Bestsellern nicht ins Gewicht, ist das Honorar des Übersetzers für seine Leistung also ein fixer Betrag. Beim Selfpublishing gibt es ebenso die Möglichkeit, ein fixes Honorar für die Erbringung der Übersetzungsdienstleistung zu vereinbaren. Bei Berechnung nach durchschnittlichen Seitenpreisen kann die Übersetzung eines „normal langen“ Romans um die 4.000 Euro kosten.

Da Selfpublisher allerdings häufig über limitierte finanzielle Ressourcen verfügen und es sich nicht ohne weiteres Erlauben können, das Risiko einzugehen, diesen Betrag vorzustrecken, hat sich parallel dazu das Modell des Royalty-Sharings entwickelt. Dabei teilen sich Autor und Übersetzer die Tantiemen, die im Rahmen des Vertriebes der Übersetzung ausgeschüttet werden. Die Prozentverteilung ist dabei verhandelbar, 50/50 ist jedoch ein Modell, das häufig verwendet wird. Auf dieses Modell gehe ich gleich noch näher ein.

Zusätzlich eröffnet sich für den selbstpublizierenden Übersetzer die Möglichkeit, viel mehr in den Verkaufsprozess eingebunden zu werden. Wird nach dem Royalty-Sharing-Modell gearbeitet, liegt es natürlich auch im Interesse des Übersetzers, aktiv in das Marketing und in den Verkauf des Werkes einzugreifen, denn mehr Verkäufe bedeutet gleichzeitig mehr Honorar. Und auch bei anderen Vereinbarungen wird der Verfasser des Originalwerkes möglicherweise Hilfe bei der Vermarktung brauchen, wenn er selbst der deutschen Sprache nicht (ausreichend) mächtig ist. Hier könnte dann Potenzial für Zusatzdienstleistungen liegen, die der Übersetzer anbieten kann (falls nicht sowieso auf Royalty-Sharing-Basis gearbeitet wird und das Marketing im Eigeninteresse des Übersetzers liegt).

Besonderheiten des Royalty-Sharing-Modells

Das bereits angesprochene Royalty-Sharing-Modell ist umstritten – vor allem arrivierte Literaturübersetzer sträuben sich gegen die Idee, für ein ungewisses, möglicherweise viel zu niedriges Honorar zu arbeiten. Zudem gibt es Bedenken, dass Übersetzer angesichts der ungewissen Ertragslage dazu tendieren, möglichst schnell möglichst viel zu übersetzen und dabei die Qualität vernachlässigen. Und all diese Einwände sind richtig und angebracht. Ich möchte hier einige persönliche Gedanken zu diesem Modell aus der Sicht der Romanübersetzerin teilen.

Nennen wir es mal „flexibles“ Honorar

Es stimmt: Wer ausschließlich nach dem Royalty-Sharing-Modell übersetzt, hat keine Garantie dafür, dass die eigene Arbeit ansprechend und fair entlohnt wird. Da alles von den Verkaufszahlen abhängt, ist ungewiss, wann wie viel Geld für die Übersetzung eingenommen wird. Im schlimmsten Fall gehen 0 Euro auf dem Konto ein.

Auf der anderen Seite: Dem Honorar an sich ist keine Höchstgrenze gesetzt. Verkauft sich ein Buch sehr gut, gibt es die Möglichkeit, mehr zu verdienen, als man durch ein Fixhonorar erzielt hätte. Allerdings muss hier gleich dazu gesagt werden: Die wenigsten Bücher verkaufen sich richtig, richtig gut. Man bedenke hierbei, dass die Erstauflage bei einem Verlag meist zwischen 3.000 und 5.000 Stück beträgt und die meisten Bücher nicht über diese Erstauflage hinauskommen. Das alles gilt es in den Berechnungen zu berücksichtigen

Langfristiger Geldfluss

Ein Punkt, der meiner Meinung nach sowohl positiv als auch negativ beurteilt werden kann, ist, dass das Royalty-Sharing-Modell langfristig aktiv bleibt, nämlich solange, wie das Buch am Markt verfügbar ist. Die finanzielle Planung des Übersetzers wird dadurch erheblich beeinflusst: Wird bei klassischen Modellen üblicherweise das volle Honorar nach Fertigstellung der Übersetzung ausbezahlt, gehen die ersten Einnahmen nach dem Royalty-Sharing-Modell erst Monate nach der Veröffentlichung tatsächlich auf dem Bankkonto ein. Und das natürlich nur zu einem Bruchteil. Wer also dringend Geld braucht, ist mit diesem Modell nicht gut beraten.

Wer jedoch Kapazitäten frei hat und sich gerne ein Einkommen für später aufbauen möchte, kann von diesem Modell durchaus profitieren. So können auftragsfreie Zeiten dazu genutzt werden, an einer Buchübersetzung zu arbeiten, die später über Monate, ja sogar Jahre hinweg kleinere Geldbeträge liefern kann.

Auf jedem Fall muss sich jeder Romanübersetzer bewusst sein, dass beim Royalty-Sharing-Modell die Langfristigkeit im Vordergrund steht – ob das zur jeweiligen Situation passt oder nicht, ist individuell zu entscheiden.

Gezielte Auswahl der Projekte

Gerade weil beim Royalty-Sharing-Modell ungewiss ist, wie viel Honorar am Ende für den Übersetzer übrigbleibt, ist es – sofern er daran interessiert ist, die Tätigkeit mit wirtschaftlichem Interesse zu betreiben und nicht nur als Hobby – unerlässlich, die zu bearbeitenden Projekte clever auszuwählen.

Unter Berücksichtigung der persönlichen Präferenzen lohnt es sich natürlich, Übersetzungen von Werken aus einem Genre vorzunehmen, die eine große Leserschaft ansprechen. Im deutschsprachigen Raum sind dies vor allem Frauenromane, Kriminalromane und Fantasyromane. In diesen Genres ist auch das Selfpublishing an sich bereits weit verbreitet.

Ein weiterer Trend, der sich derzeit am Buchmarkt hält, ist das Schaffen von Buchreihen. Hierbei werden eigenständige Romane veröffentlicht, die aber im Grunde miteinander verbunden sind. Dies kann der Kommissar XY sein, der in späteren Romanen immer wieder auf vorhergehende Fälle verweist, oder ganze Familiensagen, bei denen in den verschiedenen Bänden immer wieder eines der Familienmitglieder im Fokus steht. Von einem Band zum nächsten fiebern die Leser mit, wie es ihren Lieblingshelden ergeht, oder finden es einfach nur spannend, die Entwicklung der Charaktere zu verfolgen.

Wem das erste Buch einer Reihe gefällt, der kauft meistens auch das zweite, dritte,… daraus. Für selbstpublizierende Übersetzer kann es also lohnenswert sein, für einen Autor tätig zu sein, der bereits mehrere Werke aus einer Reihe veröffentlicht hat. Zum einen ist es natürlich einfacher, weil man sich nicht ganz neu in den Schreibstil und den Inhalt einarbeiten muss, zum anderen ergeben sich dadurch Vorteile beim Verkauf und auch beim Marketing.

Des Weiteren sollte bei der Auswahl der Projekte darauf geachtet werden, dass der selbstpublizierende Autor eine Ahnung davon hat, was er tut. Ist das Originalwerk sprachlich gut? Ist das Cover ansprechend gestaltet, sodass es sich auch verkaufen lässt? Betreibt der Autor in seinem Zielmarkt entsprechendes Marketing. Oder hat er das Buch nur aus Liebhaberei verfasst, damit er mal was veröffentlicht hat und möchte das Buch jetzt einfach nur übersetzt haben, weil es die Möglichkeit gibt, das ohne Kosten zu tun und es gut klingt, dass man übersetzt wurde?

Ist der Autor wirklich interessiert daran, eine qualitativ hochwertige Übersetzung auf den Markt zu bringen? Schließlich hängt ja auch sein Name daran. Das Internet ist voll mit Personen, die das schnelle Geld mit E-Books verdienen wollen und möglichst rasch irgendwelchen Schrott an möglichst viele Menschen verkaufen wollen. Wer für ein solches Prinzip keine Zeit investieren möchte, tut gut daran, vor der Entscheidung über ein Projekt, den Autor zu recherchieren und – ganz wichtig – das Buch einmal im Original gelesen zu haben.

Auch das Kleingedruckte muss stimmen

Wie bei jeder Geschäftsbeziehung ist es unerlässlich, die Formalitäten geklärt zu haben. Insbesondere bei solchen langfristigen Verbindungen wie dem Royalty-Sharing-Modell muss die Basis dafür gelegt werden, dass der Übersetzer regelmäßig zu den ihm zustehenden Tantiemen kommt.

Dazu sollte vor Beginn der Übersetzungstätigkeit ein entsprechender Vertrag abgeschlossen werden, der im Detail die Höhe der Tantiemen für jede Vertragspartei definiert. Ebenfalls wichtig: die Berechnungsgrundlage der Tantiemen. Üblicherweise werden die Tantiemen, die der Autor von den einzelnen Verkaufsplattformen netto – also de facto – erhält, geteilt. Denn wird ein Buch auf Amazon um € 10 verkauft, wird ja erst mal die Umsatzsteuer abgezogen und dann behält sich natürlich Amazon einen gewissen Prozentsatz für den Vertrieb des Buches ein.

Außerdem sollte geregelt werden, wie lange das Buch mindestens auf den Verkaufsplattformen verfügbar sein wird und in welchen Abständen die Abrechnung der Tantiemen erfolgt. Ein solcher Vertrag kann auf individueller Basis abgeschlossen werden. Des Weiteren gibt es eine Plattform, die sich darauf spezialisiert hat, Autoren und Übersetzer auf Royalty-Sharing-Basis zusammenzubringen und Verträge mit diesen abzuschließen (Mir ist bislang nur diese eine bekannt, was aber nicht heißen mag, dass es nicht noch andere gibt). Der Vorteil ist, dass hier auf standardisierte Verträge zurückgegriffen werden kann, die die Zusammenarbeit zwischen Autor und Übersetzer regeln. Dafür behält sich die Plattform natürlich auch einen Prozentsatz der Tantiemen ein. Meinen eigenen Erfahrungsbericht mit dieser Plattform (Babelcube) gibt es in einem separaten Artikel.

Hier noch einmal die wichtigsten Tipps für Romanübersetzer, die nach dem Royalty-Sharing-Modell arbeiten:

  • Vor der Annahme des Projektes unbedingt das Original lesen.
  • Vor der Annahme des Projektes den Autor recherchieren.
  • Wirtschaftliche Überlegungen in die Entscheidung miteinfließen lassen: Lässt sich das Buch potenziell verkaufen (Genre, Reihe,…)?
  • Kenntnisse über den Vertrieb und das Marketing von Büchern aneignen.
  • Keine Übersetzung ohne Vertrag starten.

Abschließende Gedanken

Meine eigenen Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Selfpublishern waren sowohl sehr positiv als auch weniger erfreulich – die schlechteren Erfahrungen sind meist darauf zurückzuführen gewesen, dass ich obenstehende Tipps nicht beachtet habe.

Ich finde beide Modelle – klassisches Fixhonorar sowie Royalty-Sharing – haben ihre Berechtigung. Man sollte sich auf jeden Fall über die jeweiligen Vor- und Nachteile bewusst sein und für jedes Projekt entsprechend entscheiden.

Von | 2018-07-20T11:28:18+00:00 Oktober 19, 2017|Arbeiten mit Sprachen|