Sprachzertikate als Motivator für das nächste Sprachprojekt

Wir alle kennen das Problem: Wenn wir eine neue Sprache lernen, sind wir enthusiastisch und Motivationsprobleme sind uns fremd. Aber kaum erreichen wir diese berühmte „gläserne Decke“, an der uns jeder kleine Fortschritt viel Mühe kostet, schwinden Motivation und Ehrgeiz. Zudem wird an dieser Stelle der Lernprozess immer unstrukturierter: Viele Lehrwerke enden bei B1/B2 und der allgemeine Rat für den weiteren Lernerfolg lautet: viel sprechen oder viel lesen. Gut gemeint und auch wahr, aber viele von uns brauchen mehr Struktur, um das Lernen effizient und effektiv fortzuführen.

Ich bin zum Beispiel eine solche Person, ich brauche in meinem Lernprozess eine Struktur, sei es inhaltlich als auch zeitlich. Sonst habe ich das Gefühl, das ist alles nicht für mich greifbar.

Ich habe ungefähr 2014 erkannt, dass die Vorbereitung auf eine Sprachprüfung mir dabei helfen kann. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir schon länger überlegt, dass ich mein Englisch noch einmal „aufmotzen“ wollte. Mein Englisch war zwar sehr gut, aber ich hatte das Gefühl, dass ich noch einmal strukturiert daran arbeiten sollte, um das Ganze zu festigen und noch einmal einen letzten Schritt höher zu gehen. Ich wusste, dass das gerade für mich als Übersetzerin super wichtig war, denn ohne Englisch, ganz ehrlich, geht fast gar nichts. Motivation und Grund war also da, noch einmal richtig intensiv an der Sprache zu arbeiten. Dazu ist es natürlich nie gekommen, denn wie wir alle wissen, ohne bestimmtes Ziel geht im Alltag vieles unter.

Also habe ich mich eben 2014 dazu entschlossen, mich für eine Englisch-Prüfung anzumelden. Ich habe mich für das Cambridge-Certificate entschieden, das war eine Bauchentscheidung. Ich brauchte ja das Zertifikat für nichts Bestimmtes. Also Niveaustufe habe ich mich für C2 entschieden – denn ich wollte ja schließlich noch ein letztes Mal richtig Englisch lernen und dann den „Gipfel“ des Fremdsprachenlernens erreichen (auch wenn man den wohl nie erreichen wird…)

Ich habe mich fast ein Jahr lang auf die Prüfung vorbereitet, wobei ich sagen muss, eigentlich habe ich mich nicht auf die Prüfung vorbereitet, sondern einfach intensiv an meiner Sprache gearbeitet. Auf die Prüfung selbst habe ich mich nur ein paar Wochen vorher gezielt vorbereitet.

Der Weg ist das Ziel

Und genau hier soll dieser Artikel ansetzen – nämlich dem Weg zum Ziel. Es wird also nicht darum gehen, wie man möglichst schnell ein solches Zertifikat schaffen kann, weil man es zum Beispiel für die Zulassung an der Uni braucht.

Vielmehr soll hier ein Überblick darüber gegeben werden, wie wir Sprachzertifikate als Instrument nutzen können, um uns ein Ziel zu setzen, und dadurch den Weg dorthin so gestalten , dass wir unserer eigentliches Ziel, nämlich eine Verbesserung unserer Sprachkenntnisse, erreichen können.

Was sind Sprachzertifikate?

An dieser Stelle vielleicht ganz kurz, was hier mit Sprachzertifikaten gemeint ist: Sprachzertifikate sind standardisierte Prüfungen in einer Fremdsprache, die von bestimmten Institutionen angeboten werden und mit denen ein bestimmtes Niveau in der Fremdsprache nachgewiesen werden kann.

Bekannte Beispiele sind für Englisch zum Beispiel Cambridge Certificates oder TOEFL, für Deutsch das Goethe-Zertifikat oder das ÖSD, das DELE vom Instituto Cervantes für Spanisch etc.

Die Betonung liegt hierbei auf standardisierten Prüfungen. Diese umfassen normalerweise einen schriftlichen und einen mündlichen Teil, wobei schriftlich meist wieder in Textverständnis/Sprachbeherrschung, Hören und Textproduktion unterteilt wird. Der mündliche Teil umfasst im Normalfall mündliche Textproduktion bzw. Konversation.

Wozu werden Sprachzertifikate abgelegt?

Man kann über die Sinnhaftigkeit von Sprachzertifikaten geteilter Meinung sein. Eine solche standardisierte Prüfung kann natürlich die Sprachkenntnisse einer Person nicht zu 100 % korrekt widerspiegeln und es kommt vor, dass Personen, die das Niveau hätten, Prüfungen nicht schaffen, und natürlich auch umgekehrt. Außerdem sagt eine Prüfungsleistung nichts über die tatsächliche Sprachbeherrschung im Alltag aus.

Aber irgendwelche Methoden muss es geben, um Sprachkenntnisse messbar und vergleichbar zu machen, denn es gibt immer wieder Situationen, in denen man seine Sprachkenntnisse in einer objektiven Form nachweisen können muss (Zulassung zu Universitäten, Bewerbungen etc.) Auch wenn man ein Sprachzertifikat nur für sich selbst macht, ist es immer praktisch, einen Nachweis der Kenntnisse zu haben.

Soweit also allgemein zu Sprachzertifikaten – im Folgenden geht es aber nun darum, ein Sprachzertifikat einfach nur für sich selbst abzulegen, insbesondere als Motivationsinstrument für das eigene Lernen.

Zielsetzung für das nächste Sprachprojekt

Stellt euch einfach mal folgendes vor: Ihr habt vor einiger Zeit schon mal eine Sprache gelernt, Französisch, Chinesisch, was auch immer. Ihr könnt schon einiges, ihr seid vielleicht noch nicht fließend, aber ihr könnt einigermaßen gerade Sätze bilden. Vielleicht ist eure Sprechkompetenz besser als die Schreibkompetenz, vielleicht ist aber auch eure Grammatik fehlerfrei, aber euch fehlt die Sprechpraxis. Euer Niveau liegt so bei B1/B2 – egal. Ich bin sicher, ihr habt was aus eurer persönlichen Erfahrung im Kopf 🙂

Ihr denkt euch vielleicht schon länger, ach, an dieser Sprache müsste ich mal wieder arbeiten. Meine Kenntnisse sind nicht Fisch, nicht Fleisch, wie wir auf Deutsch so schön sagen würden. Vielleicht tragt ihr diesen Gedanken schon seit einiger Zeit mit euch herum, aber wirklich passiert ist nie was. Meistens liegt das daran, dass eben gerade kein besonders wichtiger GRUND, kein WARUM da ist.

Jetzt überlegt mal, welches Niveau ihr für diese Sprache gerne erreichen möchtet. Für Personen, die eine Sprache einfach fließend sprechen möchten, mehr oder wenig mühelos, mit einer soliden Grammatik und einem breiten Wortschatz werden die Niveaustufen B2 und C1 interessant sein. Für die Perfektionisten bzw. die Personen, die eine Sprache schon sehr gut sprechen, aber vielleicht einfach nochmal am letzten Schliff arbeiten wollen, bietet sich C2 an.

Wir haben ein Ziel

Jetzt überlegen wir mal, welche besonderen Schwächen wir haben, an denen wir arbeiten müssen, um das Ziel Prüfung auf B2/C1/C2 zu erreichen. Grammatik? Sprechen? Schreiben? Ein bisschen von allem? Das wird bei jedem etwas anderes sein, aber wichtig ist, dass wir uns dessen bewusst sind.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Wir wollen ein Italienisch-Zertifikat machen. Das Niveau ist noch nicht ganz klar, aber wir wissen, dass wir vor allem an den aktiven Kenntnissen arbeiten müssen. Außerdem müsste die Grammatik mal von Grund auf gefestigt werden, weil wir die nie strukturiert erlernt haben.

Plötzlich erkennen wir, dass dieses nicht greifbare „Ich sollte mal“ zu einem viel konkreteren Projekt geworden ist. Ist eigentlich recht einfach gegangen. Nur die Vorstellung davon, eine Prüfung abzulegen, lässt das Projekt plötzlich viel wichtiger und umsetzbarer erscheinen.

Schritt 1: Recherche & Anmeldung zur Sprachprüfung

Es muss nicht zwangsläufig der erste Schritt sein, aber es ist doch empfehlenswert, sich sofort für die Sprachprüfung anmelden! Denn durch die Anmeldung bekommt das Projekt mehr Verbindlichkeit.

Das heißt, zuerst sollte man natürlich recherchieren, welche Sprachprüfung, also welcher Anbieter, zu einem passt und welches Niveau. Die Anbieter haben auf ihren Webseiten normalerweise jeweils einen Modellsatz für die verschiedenen Niveaustufen, da kann man schon mal einen Einblick bekommen. Wichtig: Der Modellsatz sollte eine Herausforderung darstellen, denn wir wollen uns ja verbessern.

Dann noch herausfinden, wo die Prüfung wann angeboten wird und sich anmelden! Wichtig, ich würde mir für ein solches Projekt ausreichend Zeit geben. Zwischen einem halben und ganzen Jahr Vorlaufzeit – je nachdem wie viel Zeit man pro Tag/pro Woche investieren kann. Dabei sollte man nicht vergessen, dass der Weg das Ziel ist, nicht die Prüfung! Denn ist die Prüfung erst mal erledigt, lernt man erfahrungsgemäß nicht weiter 🙂

Schritt 2: Planung & Materialien

Als nächstes wird das Projekt geplant, wie jedes andere Sprachlernprojekt auch. Ich möchte hier nicht allzu sehr ins Detail gehen, viele liebe Kollegen wunderbare Blogartikel dazu verfasst, wie man Sprachprojekte angeht.

Aber so grob sollte man sich mal festhalten, was alles zu tun ist. In unserem Italienisch-Beispiel von oben also vermutlich Grammatik wiederholen, Wortschatz gezielt erweitern, Texte schreiben, Sprechpraxis sammeln etc.

Ich persönliche beginne mit Grammatik und Wortschatz, weil das für mich die Basis für die aktive Arbeit ist, aber da ist jeder anders. Ich versuche mir dann, messbare Ziele bzw. Routinen anzugewöhnen. Zum Beispiel jeden Tag 10 Minuten Vokabeln wiederholen (Anki) bevor ich mit der Arbeit beginne.

Dann wird es an der Zeit sein, sich mit Materialien einzudecken. Ich empfehle, die Materialien bereits am Anfang alle zu besorgen bzw. verfügbar zu machen und nicht erst während des Projektes zu suchen. Also Podcasts runterladen, Bücher besorgen oder ausleihen, Online-Zeitungen abonnieren.

Budget

Spätestens jetzt ist es auch an der Zeit, die Kosten ein bisschen zu planen. Sprachprüfungen sind in der Regel teuer… sehr teuer. Und wenn man sie nicht im Heimatort machen kann, dann sind sie auch mit Reisekosten verbunden.

Außerdem sollte man planen, wie viel man für Lehrbücher oder andere Materialien, Online-Teacher etc. ausgeben möchte. An dieser Stelle ein Tipp für alle die arbeiten, vielleicht gibt es ja die Möglichkeit, die Kosten für das Projekt irgendwie von der Steuer abzusetzen. Es lohnt sich auf jeden Fall, das zu prüfen.

Schritt 3: Vorbereiten – ausgewählte Themen

Schreiben

Ein meiner Meinung nach schwieriges Thema der Vorbereitung, vor allem für Selbstlerner, ist das Schreiben. Viele von uns schreiben nicht einfach so ohne Anlass, das heißt, ich muss Anlässe finden, wirklich zu schreiben. Es gibt für viele Sprachen Bücher, in denen Schreibthemen vorgegeben sind, meistens sind das Bücher für Kinder, die diese Sprache als Muttersprache in der Schule lernen und üben, wie man Texte schreibt. Das heißt natürlich, dass solche Bücher eher in Ländern verfügbar sind, in denen die Sprache als Bildungssprache verwendet wird, aber das Internet macht vieles möglich.

Außerdem kann man sich selbst viele Ziele setzen, zum Beispiel in dem man eine Zusammenfassung über ein gelesenes Kapitel aus einem Buch schreibt, einen Film etc. Tagebuch schreiben wäre eine Möglichkeit.

Bei Sprachprüfungen kommt außerdem hinzu, dass oft ganz gewisse Textsorten oder bestimmte Schreibkonventionen gefragt sind, die man sonst im Alltag überhaupt nicht pflegt. Bei der CPE-Prüfung war zum Beispiel ein Essay zu schreiben. Ich muss zu meiner Schande gestehen, ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt noch nie im Leben mit dem Thema Essay auf Englisch schreiben beschäftigt, das war einfach bei mir nie Thema im Englischunterricht. Das hat mich ein paar Nerven gekostet und ist mir gehörig auf den Keks gegangen, weil ich es hasse, wenn mir vorgegeben wird, wie ich schreiben muss 🙂

Zum Korrigieren muss ich mir natürlich jemanden suchen. Im Idealfall kenne ich jemanden persönlich, der das für mich machen kann. Es gibt im Internet Communities, die sich gegenseitig Texte kontrollieren, z. B. Lang-8. Also so Tandems fürs Schreiben. Viele von euch nutzen auch Italki – ich habe mir zum Beispiel zur Vorbereitung auf das CPE einen Lehrer auf Italki genommen, der viel Erfahrung mit der Prüfung hat. Ich habe Texte geschrieben und während unserer Skype-Session hat er die Texte korrigiert und sie mit mir besprochen.

Sprechen

Das ist selbst ein Thema, mit dem ich immer ein bisschen hadere, das Sprechen gehört nicht gerade zu meinen Leidenschaften – also in schwachen Sprachen meine ich. Ich persönlich nehme mir einen Italki-Lehrer, aber wie ihr wisst gibt es viele Möglichkeiten: Tandems machen (und wirklich Termine vereinbaren), aber auch zum Beispiel sich selbst etwas vorsprechen und sich dabei zum Beispiel aufzunehmen.

Prüfungstraining

Einige Wochen vor der Prüfung würde ich dann noch konkret in die Vorbereitung für die Prüfung gehen, das heißt, ich bereite mich ganz gezielt auf die Typen von Aufgaben vor, die vorkommen. Man weiß ja vorher genau, welche Arten von Prüfungen kommen, Aufgabe 2: Multiple Choice, Aufgabe 3: Überschriften zuordnen etc.

Ich habe selbst einige Zeit Deutschprüfungen als Prüferin abgenommen und habe es dabei immer wieder gesehen, dass Personen eigentlich schon das Niveau hätten, aber bei der Prüfung einfach nicht wissen, was sie tun müssen und deshalb die Punkte nicht erreichen. Deshalb mein Tipp, sich unbedingt auch mit richtigen Prüfungsaufgaben vorbereiten. Leider sind solche Unterlagen meist recht teuer…

Außerdem ist diese gezielte Vorbereitung einige Wochen vor der Prüfung noch einmal eine gute Gelegenheit, kleine Schwächen zu entdecken und notfalls noch zu korrigieren. Klappt es mit dem Schreiben nicht so gut wie erwartet, dann kann ich mir noch schnell Hilfe holen und gezielt daran arbeiten. Sind die Hörübungen noch zu schwer für mich, weil ich das schnelle Sprechtempo nicht gewohnt bin? Dann kann ich die letzten Wochen nutzen, um mich gezielt muttersprachlichen Inhalten auszusetzen und mich daran zu gewöhnen.

Somit können wir uns ganz gezielt für die Prüfung vorbereiten und eigentlich ist das dann ja nicht nur für die Prüfung gut, denn es hilft uns ja allgemein, wenn wir uns zum Beispiel an mutterspracheähnliches Sprechniveau anpassen können.

Zur gezielten Prüfungsvorbereitung eben noch einmal der Hinweis, es gibt Modellsätze, meistens bieten die Institutionen einen gratis Modellsatz im Internet an.
Häufig gibt es dann noch zusätzliche Materialien, die man erwerben kann.

Ein weiterer Tipp ist, sich mit Personen zu unterhalten, die die jeweilige Prüfung abnehmen. Auf Italki gibt es viele Lehrer, die auch sehr gut mit den Sprachprüfungen vertraut sind. Sie können helfen, uns gezielt vorzubereiten.

Außerdem bieten Bildungsinstitutionen häufig auch gezielte Vorbereitungskurse für eine Sprachprüfung an, die dauern meist ein halbes oder ganzes Jahr. Die Kurse sind meistens recht teuer. (Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, alles was direkt mit den Prüfungen zu tun hat, ist unverhältnismäßig teuer – aber gut, sind wohl die Gesetze des Marktes :))

Hier noch ein ganz spezieller Tipp: Für die Lehrer, die solche Kurse unterrichten, gibt es manchmal Lehrerhandbücher, in denen ihnen erklärt wird, worauf sie bei der Vorbereitung ihrer Teilnehmer achten sollten. Ich habe hier zum Beispiel das Teacher’s Handbook für das CPE (das sogar gratis verfügbar ist :)). Hier werden viele Dinge genauer erklärt und auch Schwierigkeiten hingewiesen, die viele Kandidaten haben. Es lohnt sich also zu schauen, ob es ein solches Buch auch für das eigene Zertifikat gibt.

Auf geht’s

Über die objektive Sinnhaftigkeit von Sprachzertifikaten lässt sich tatsächlich streiten und ich bin keinesfalls die Meinung, dass sie tatsächlichen Sprachkenntnisse des Kandidaten immer akkurat widerspiegeln. Aber für das eigene Sprachprojekt, die eigene Motivation kann es genau die richtige Methode sein, um sich ein greifbares Ziel zu setzen und in diese Richtung hinzuarbeiten.

Also, auf geht’s, recherchieren, anmelden, starten. Viel Erfolg bei allen größeren und kleineren Projekten 🙂

Links

Hier noch ausgewählte Links zu den im Post erwähnten Ressourcen:

Von | 2018-01-09T15:26:39+00:00 Dezember 24th, 2017|Die Welt der Sprachen|0 Kommentare