Ein Roman wird übersetzt – Die Vorbereitung

Wie wird eigentlich ein Roman übersetzt? Habt ihr euch diese Frage schon einmal gestellt oder hat es euch vielleicht sogar schon einmal in den Fingern gejuckt, selbst ein Buch zu übersetzen?

Ich beginne gerade ein neues Romanübersetzungsprojekt und dachte mir, ich lasse euch ein wenig daran teilhaben. Es wird irgendwie so viel über Übersetzen geschrieben, aber ganz wenig ist darüber zu finden, wie so ein Projekt wirklich abläuft und welche Überlegungen einfließen und dahinterstecken. Ich möchte einfach mal meine Gedanken und Erfahrungen mit diesem Projekt festhalten, um einen kleinen Beitrag zur Schließung dieser Lücke zu leisten. Am Ende ist natürlich jedes Übersetzungsprojekt individuell und ich kann nur subjektive Eindrücke festhalten.

Ich bin schon gespannt, wie euch diese Blogpostreihe gefallen wird. Ich schreibe einfach mal drauf los, wenn ihr irgendwelche Fragen habt, schreibt mir gerne oder hinterlasst ein Kommentar 🙂

In diesem ersten Post schreibe ich darüber, was ich alles mache/denke/vorbereite, bevor es an die tatsächliche Übersetzung geht. Zunächst werde ich allgemein auf ein paar Punkte eingehen, die ich wichtig finde, am Schluss werde ich dann mein konkretes Vorgehen in diesem Projekt beschreiben.

Welcher Roman wird übersetzt?

Zunächst ganz kurz allgemein über das Buch: Es geht um den Roman „Felicity and the Damaged Reputation“ von Alicia Cameron. Der Roman ist dem Genre Regency-Romance zuzuordnen, spielt also in England um 1816. Ich habe bereits mehrere Romane für diese Autorin übersetzt, kenne das Genre und habe auch sozusagen bereits eine deutsche Stimme der Autorin etabliert. Der Roman ist auf Englisch geschrieben und soll ins Deutsche übersetzt werden (gut, das habt ihr euch vermutlich schon gedacht, aber es soll ja alles seine Ordnung haben…) Der Roman hat 77.000 Wörter, das ist kein Wälzer. Ich tue mich schwer, das in Buchseiten umzurechnen, aber es sind vielleicht 300 Taschenbuchseiten.

Die Autorin und ich arbeiten direkt zusammen, es ist kein Verlag zwischengeschaltet. Die Autorin publiziert die Übersetzung unter ihrem Namen und nur auf Amazon (das haben wir so vereinbart, es gäbe auch andere Plattformen, auf denen Selfpublisher veröffentlichen können) und wir teilen die Verkaufserlöse nach einem vereinbarten Schlüssel. Mit im Boot ist dann noch meine Lektorin Astrid, die bereits an vielen Romanübersetzungen von mir mitgewirkt hat und mit ihrem Fachwissen über Kleider (und dem ihrer Freundinnen) und ihrem weitläufigen „altmodischen“ Wortschatz schon viele Übersetzungen für Alicia Cameron verbessert hat. (Astrid schreibt auch selbst, ihr solltet ihr unbedingt auf Instagram oder Wattpad folgen!)

Diesen Tipp gebe ich auch gleich mit: Wenn eine Romanübersetzung ohne einen Verlag angefertigt wird, der ja das Lektorat übernimmt, würde ich auf jeden Fall noch eine zweite Person ins Boot holen, die für das Lektorieren zuständig ist. Dabei geht es nicht nur um das Finden von Tippfehlern, sondern eigentlich viel mehr um das Verbessern des Textes. Beim Übersetzen klebt man oft sehr am Originaltext und jemand, der nur die deutsche Übersetzung kennt, stolpert über undeutsche, untypische Wendungen und kann somit die Textqualität erheblich verbessern.

Das Wichtigste zuerst: Das Buch lesen

Grundregel Nummer 1 beim Übersetzen: Immer zuerst den Text lesen! Wenn man direkt mit Autoren zusammenarbeitet: das Buch lesen, bevor man die Zusage zur Übersetzung gibt.

Warum sollte man als Übersetzerin zuerst den Text lesen? Na, zum einen, um zu wissen, was drinnen steht. Gerade in einem Roman kommen ja immer wieder Dinge vor, die auf eine spätere Stelle verweisen oder an anderer Stelle wieder aufgegriffen werden. Manchmal ist eine ganz bestimmte Wortwahl sinntragend für den Verlauf der Geschichte. Wie ungünstig wäre es also, einfach mal drauf los zu übersetzen und später dann zu bemerken, okay, so wie ich das übersetzt habe, funktioniert dieses wichtige Element im Buch nicht. Daher immer zuerst das Buch lesen. Das erspart im Nachhinein viel Arbeit und Ärger.

Für Übersetzerinnen, die im Selbstverlag, zum Beispiel gemeinsam mit einer Autorin veröffentlichen, ist es unerlässlich, das Buch zuerst zu lesen, um einschätzen zu können, ob das Buch gut genug ist! Ich habe bereits viele Übersetzungen bearbeitet und zugegebenermaßen waren einige Romane besser als andere. Gerade bei einem Abrechnungsmodell mit Einnahmenteilung ohne Fixzahlung investiert man viel Zeit ohne die Sicherheit, dass am Ende der Aufwand entlohnt wird. (Das bitte NIE vergessen!) Wenn dann auch noch ein Roman bearbeitet wird, der einem nicht taugt, ist es schade.

Außerdem muss dazugesagt werden, dass es im Selfpublishing-Bereich einfach auch wahnsinnig viele Texte gibt, die… suboptimal sind. So toll ich es finde, dass Autoren das Veröffentlichen leicht gemacht wird, ermöglicht es natürlich auch das schnelle und unüberlegte Publizieren von Hunz und Kunz. Schlechte Bücher verkaufen sich meistens nicht gut. Außerdem will man da nicht unbedingt seinen Namen als Übersetzerin drauf haben. Daher unbedingt vor Auftragsannahme die Qualität des Buches prüfen.

Das Lesen des Buches hilft außerdem, den bevorstehenden Arbeitsaufwand einzuschätzen. Hier entwickeln sich mit der Zeit Erfahrungswerte und ich kann mittlerweile besser einschätzen, wie lange ich für eine Übersetzung brauche.

Sinnhaftigkeit des Projektes abwägen

Besonders wenn man nach einem Royalty-Sharing-Modell arbeitet: Die Verkaufschancen für ein solches Buch sollten unbedingt in Betracht gezogen werden. Ja, ich habe bereits Romane übersetzt, die sich nicht verkaufen. Und mit nicht, meine ich gar nicht. Die mir bislang vielleicht ganze € 10 eingebracht haben und – wenn mir nicht ein Amazon-Algorithmus-Gott zu Hilfe kommt – auch nicht mehr viel mehr einbringen werden. Manchmal kam das überraschend, denn ich war der Meinung, der Titel wäre super und lässt sich gut verkaufen. Manchmal hätte ich es auch wissen können. Die Erfahrung macht bekanntlich klüger und man kommt nicht darum herum, Erfahrungen zu sammeln.

Aber die Zeit, die man zur Verfügung hat, ist nicht unendlich und man kann nicht 12 Stunden am Tag Romane übersetzen, für die man am Ende vielleicht keine bis wenige Einnahmen erzielt. Daher muss die Sinnhaftigkeit eines solches Projektes gut abgewogen werden. Patentrezept gibt es natürlich keines, aber es lässt sich zum Beispiel sagen, dass sich Reihen im Moment gut verkaufen lassen und vermutlich lukrativer sind als Einzeltitel. Außerdem gehen bestimmte Genres wie Krimis oder Fantasy besser als politische Dramen.

Eine kurze persönliche Anmerkung an dieser Stelle: Ich persönlich übersetze auch keine sehr dicken Romane, zumindest nicht, wenn meine Einnahmen nur auf Royalty-Sharing basieren. Je länger das Buch, desto mehr Zeit brauche ich dafür, aber es heißt nicht automatisch, dass ich auch mehr damit verdiene. Im Selfpublishing-Bereich übersetze ich meistens zwischen 50.000 und 60.000 Wörter. Die 77.000 Wörter akzeptiere ich hier guten Gewissens, denn aufgrund der bisherigen Verkäufe mit der Autorin kann ich davon ausgehen, dass sich auch dieser Titel zumindest halbwegs verkauft. Bei einer neuen Zusammenarbeit könnte ich die Chancen nicht so gut abschätzen. Ich empfehle für erste Projekte daher auch etwas in diesem Rahmen zu machen oder vielleicht sogar nur einen Kurzroman. Etwas anderes ist es natürlich, wenn man – wie bei Verlagen z. B. üblich – nach der tatsächlichen Seitenanzahl bezahlt wird.

Zeitplanung nicht vergessen

Projektmanagement ist das A und O. Bevor eine Vereinbarung über das Übersetzungsprojekt getroffen wird, sollte man sich Gedanken darüber machen, in welchem Zeitrahmen das Projekt sinnvoll umgesetzt werden kann. Das hängt von der eigenen Arbeitsweise ab, aber auch davon, welche Verpflichtungen/Aufträge man sonst noch hat. Nicht zu vergessen ist dabei auch die Koordination und Abstimmung mit der Lektorin.

Ich persönlich tendiere dazu, lieber eine längere Deadline anzusetzen und dann stressfreier an die Sache ranzugehen. Andere können unter Druck besser arbeiten. Alles hat seine Berechtigung, sofern am Ende das Projekt im festgesetzten Zeitrahmen realisiert wird.

Vereinbarung abschließen

Egal, ob mit einem Autor direkt oder mit einem Verlag: Vor Beginn der eigentlichen Übersetzungstätigkeit muss unbedingt eine schriftliche Vereinbarung abgeschlossen werden, in der wichtige Punkte geregelt werden, zum Beispiel:

  • Um welchen Titel handelt es sich?
  • In welche Sprache wird er übersetzt? (klingt logisch, aber…)
  • Deadline und welche Möglichkeiten/Konsequenzen gibt es, wenn die Deadline nicht eingehalten werden kann?
  • Entgeltvereinbarung: Gib es eine Fixzahlung? Wie werden die Einnahmen geteilt etc.?

Verlage haben meist schon ihre vorgefertigten Verträge. Wer über eine Plattform wie Babelcube arbeitet, schließt standardisierte Verträge ab. Bei der direkten Zusammenarbeit solltet ihr am besten selbst einen Entwurf aufsetzen. Nehmt euch wirklich Zeit für Zustandekommen einer solchen Vereinbarung und informiert euch gut.

Felicity – Mein Vorgehen

Wie erwähnt, habe ich bereits mehrere Romane und Geschichten für Alicia Cameron übersetzt. Ich wusste bereits seit mehreren Wochen, dass sie mich mit der Übersetzung ihres nächsten Romans beauftragen wird. Mir war damals (Juli 2018) bereits klar, dass ich die Übersetzung übernehmen werde, auch wenn ich das Buch zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelesen hatte. Erstens kenne ich mittlerweile den Stil von Alicia Cameron, ich weiß, dass ich ihre Bücher gut finde. Zweitens weiß ich, dass sich ihre Bücher recht gut verkaufen lassen. Beide Umstände führten dazu, dass ich mir für dieses Projekt trotz anderer, ähnliche Anfragen Kapazitäten freigehalten habe.

Da ich bereits vor Fertigstellung des englischen Originals planen konnte, habe ich der Autorin frühzeitig über meinen Zeitplan informiert. Mir war klar, dass ich vor allem im September 2018 übersetzen kann, ab Oktober werde ich dann weniger Zeit haben. Mein Plan ist daher (jetzt beginnt gerade der September), die erste Übersetzung im September fertigzustellen und den Text an Astrid zu schicken, die dann lektoriert. Mir ist es dieses Mal möglich, viel Zeit auf einmal zu investieren. Das ist aber nicht immer so und ich weiß zum Beispiel, dass es für Astrid nicht möglich ist, einfach mal eine Woche nur an dem Projekt zu arbeiten. Ich weiß außerdem, dass ich nach Astrids Bearbeitung noch nicht fertig bin, sondern dass es immer noch Arbeit gibt: Korrekturlesen, noch mal über kritische Stellen drüber schauen, noch Stellen verbessern etc. Es gibt am Ende immer noch viel zu tun. Schlussendlich habe ich als Deadline Ende Januar 2019 angegeben. Das klingt nach einem langen Zeitraum, vor allem, da ich möglichst viel im September übersetzen will. Aber erfahrungsgemäß wird es dann noch mal eng. Es kommt immer anders als man denkt 🙂

Mitte August habe ich dann das englische Manuskript von Alicia Cameron erhalten und auf meinen Kindle geladen. In den letzten Tagen vor dem Blogpost habe ich das Buch gelesen (wann man halt so liest, am Abend, im Bus etc.) und ich habe mich nicht umsonst auf das Buch gefreut: Es ist einfach toll! Wer die Bücher von Alicia Cameron mag, kann sich auf diesen Titel ganz speziell freuen. Es ist wieder eine schöne Geschichte über eine starke, junge Frau, die versucht, in dieser Welt des Guten Tons mit ihren starren Regeln ihr Glück zu finden. In diesem Buch kommen auch einige Nebencharaktere aus anderen Geschichten vor, was ich persönlich ganz toll finde. Besonders die Fans von Honoria und die Familienpflicht werden sich über diesen Titel freuen, denn einige offene Fäden aus dem Buch werden in diesem nun wieder aufgegriffen und „beendet“.

Hier zeigt sich natürlich der Vorteil, mehrere Übersetzungen für diesselbe Autorin zu machen. Man kennt sich und man kennt die Geschichten. Würde ich jetzt eine Serie übernehmen, die vorher eine Kollegin bearbeitet hat, müsste ich mich in die anderen Titel einlesen und schauen, wie gewisse Dinge dort übersetzt wurden. An dieser Stelle brauche ich mir aber keine Gedanken darüber zu machen, da ich die Geschichte von Honoria selbst übersetzt habe (sehr empfehlenswert, wenn ihr das Warten auf Felicity überbrücken wollt :))

Nachdem ich das Buch nun gelesen habe, habe ich mit der Autorin unsere übliche Vereinbarung schriftlich festgehalten. Das funktioniert mittlerweile nahtlos und ist eine reine Formalität.

Mit Astrid habe ich dieses Mal vereinbart, dass ich ihr Kapitel für Kapitel schicke und sie sich dann immer wieder an ein Kapitel dransetzt, so wie es ihre Zeit erlaubt, und es mir zurückschickt. Ich bearbeite ihre Anmerkungen und erstelle schlussendlich ein Manuskript, das ich ihr am Ende wieder schicke – aber das alles werdet ihr im Laufe der Zeit mitbekommen.

So und jetzt sitze ich hier: Gestern habe ich die Vereinbarung geschickt und gleich unterschrieben retourbekommen. Dann habe ich gestern und heute gleich das erste von fünfzehn Kapiteln übersetz (Ich hab ja gesagt, im September hau ich rein :)).

Ich halte euch über den Projektfortschritt am Laufenden und werde über die kleinen und großen Probleme berichten, die mir bzw. so unterkommen werden. Gleich in einem der nächsten Posts werde ich auch berichten, welche Tools und Hilfsmittel ich für dieses Projekt verwende.

Viel Spaß beim Mitlesen!

Von | 2018-09-05T14:53:54+00:00 September 5, 2018|Arbeiten mit Sprachen|