Verben #2: Passives Erkennen automatisieren

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In meinem letzten Post über die Krux mit den Verben habe ich mich mal darüber ausgelassen, warum die Verben etwas schwieriger als andere Wortarten zu erlernen sind. Aber die Erkenntnis alleine reicht ja noch nicht, um ein Problem anzugehen. In diesem ersten Post, aber auch in den kommen, möchte ich darüber schreiben, was ich bislang gemacht habe, um gegen die Schwierigkeiten anzukämpfen. Manche Methoden habe ich schon in mehreren Sprachen erprobt, manche sind erst Testversuche. Mehr als um die Methodik dahinter zu promoten geht es aber darum, vor allem die Diskussion über das Thema anzuregen.

Daher starte ich jetzt einfach mal mit einer Methode, die ganz an der Basis ansetzt. Ich schicke voraus, einigen von euch – vor allem jenen, die nicht so viel Wert auf Grammatik legen – wird das Folgende als langweilig und nachrangig erscheinen. Ich finde jedoch, es geht hierbei um die Grundlage, um sich danach überhaupt schwierigeren Bereichen der Verbsysteme zu widmen.

Zunächst geht es darum, eine Verbform in einem Text zu erkennen und einzuordnen: nämlich nach Zeit (Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft), Modus (Realität, Irrealität, Möglichkeit,…) Person (Einzahl, Mehrzahl, ich, du, etc.) und je nach Sprache noch nach anderen Kriterien (z. B. einmalige Handlung etc.)

Warum ist das so wichtig? Nun, bevor ich überhaupt anfange mir Gedanken darüber zu machen, ob ich eine Vergangenheitszeit richtig anwende oder einen Subjuntivo beherrsche, muss ich zunächst die Formen beherrschen. Denn sonst funktioniert das ja überhaupt nicht, weil ich nicht einmal aus den Beispielsätzen etwas lernen kann. Viele werden jetzt aufstöhnen, aber ja, es geht um das gute alte Auswendiglernen. Denn Verbformen verstehen, das ist keine Kunst. Man muss nur pro Zeit/Modus die jeweiligen Formen pro Person auswendig lernen. Aber das muss ich erledigt haben, bevor ich mich anderen Feinheiten des Verbsystems zuwende.

Verben---Passives-Automatis

(C) Andre Lelsner via Flickr – CC-Lizenz

Heute möchte ich euch eine Methode vorstellen, mit der ihr das Erkennen und Verstehen von Verbformen passiv automatisieren könnt. Im nächsten Post geht es dann um die aktive Bildung.

Automatisierung des passiven Verständnisses durch Drill

Ich persönlich arbeite hier mit einem klassischen Drill- bzw. Abfragesystem. Es wird mir eine Verbform gezeigt und ich muss sie nach den oben genannten Kriterien einordnen. Dazu verwende ich Anki, es sind aber auch andere Werkzeuge mögliche. Dazu später mehr.

Beispiel:

Anki-Verb-Drill

Ich habe einen Stapel in Anki angelegt, der mir portugiesische Verbformen anzeigt. Derzeit sind nur die Zeiten Präsens und PPS eingepflegt. Ich weiß also, dass momentan nur diese Zeiten vorkommen. Jetzt versuche ich die Form viemos zu analysieren.

Aufgrund der Endung –mos schließe ich auf die 1. Person Plural, also wir. Ich bin mir auch zu 99 % sicher, dass es die Vergangenheitszeit PPS ist, obwohl –mos auch eine Endung des Präsens sein könnte. Jetzt kommt das Tückische: von welchem Verb stammt die Form viemos? Im Portugiesischen gibt es diese gemeinen Verben ver (sehen) und vir (kommen) und es ist gar nicht so leicht, die Formen auseinander zu halten.

Weil ich aber schon ein paar Tage trainiert habe, weiß ich ziemlich sicher, dass der Anfang vi- auf das Verb vir (kamen) schließen lässt. Lassen wir uns die Lösung anzeigen und siehe da:

Anki-Verb-Drill-Lösung

Jipiee richtig. Aber an diesem Beispiel sehe ich persönlich schon, dass ich das Automatisieren der Formen notwendig habe, denn wenn ich die Form nur so im Texte sehe, ohne Einüben, könnte ich sie gar nicht einordnen.

Besonders interessant sind diese Karten auch, wenn eine Form mehrere Bedeutungen hat. So ist die spanische Form tomamos sowohl die Form der 1. Person Plural im Präsens als auch im Indefinido. Ich habe beide Varianten als Lösung auf der Karte notiert, denn es ist wichtig zu erkennen, dass die Form für beide Zeiten stehen kann.

Ich werde jetzt nicht bis in alle Ewigkeit die portugiesischen Verbformen trainieren, denn irgendwann sollte ich sie schon beherrschen. Aber für den Moment ist es sehr praktisch und ich werde es solange machen, bis ich den Stapel nicht mehr brauche bzw. werde ich in Zukunft noch ein paar Zeiten einpflegen damit noch lernen, bis ich alle draufhabe.

Ein solches Training muss natürlich nicht zwangsläufig über Anki erfolgen. Gute alte Karteikarten aus Karton eignen sich genauso dazu. Vielleicht habt ihr auch eure ganz eigenen Methoden, euch Testsituationen aufzubauen. Wichtig ist nur, dass man sich eben selbst in diese Test-Situation bringt und das Gehirn dazu zwingt, die vorliegende Form genau zu analysieren. Mit jedem Mal wird dieser Schritt mehr und mehr automatisiert und ist irgendwann nicht mehr notwendig. So wie beim Autofahren… da kann ich heute auch ohne Kopfschmerzen an einer Kreuzung stehen bleiben, aber erinnert euch mal dran, wie viele Bewegungen da ganz am Anfang zu koordinieren waren…. Schrecklich.

Ich lege die Karteikarten immer selbst an, denn das Beschreiben jeder Karte ist auch schon einmal Lernen.

Woher nehme ich die Verbformen?

Eine gute Basis ist ein Grammatikbuch, in dem die Grundregeln für die Formenbildung der Zeit und die jeweiligen Unregelmäßigkeiten dargestellt werden. Gute Kursbücher haben im Anhang einen Grammatikteil mit Übersichtstabellen. Dort findet ihr auch die wichtigsten Formen.

Im Internet findet man auch sehr viel, einfach mal in Google „Konjugation xxxx“ eingeben und dabei xxxx gegen die Sprache oder das Verb austauschen.

Hier schon mal ein paar Links für euch:

Französisch: http://conjf.cactus2000.de/

Spanisch: http://conjes.cactus2000.de/

Italienisch: http://conjit.cactus2000.de/

Es gibt auch einige Apps, aus denen die Infos kommen können. Hier ein paar Beispiele:

Portugiesisch: https://play.google.com/store/apps/details?id=org.muth.android.conjugator_demo_pt

Deutsch:

https://play.google.com/store/apps/details?id=org.muth.android.conjugator_demo_de

Außerdem gibt es die Buch-Reihe 501 xxx Verbs vom Barrons Verlag. Ich selbst habe das Russische. Es ist nicht perfekt, aber eine gute Basis.

In welchem Stadium sollte ich das passive Verständnis trainieren?

Meiner Meinung nach von Anfang an. Ich mache es mittlerweile so, wenn ich eine neue Zeit lerne, dann arbeite ich die gängigsten Verben, vor allem die unregelmäßigen dafür durch. Nach und nach ergänze ich dann neue Zeiten und Formen. Mehr dazu aber in einem nächsten Post.

Aber man kann auch später damit beginnen. Viele Lerner gehen ja nach den Prinzip vor, erstmal in die Sprache einzutauchen und erst später die Grammatik nachzuarbeiten. Auch dann kann das passive Verständnis gut eingeübt werden.

Außerdem kann man auch jederzeit damit beginnen bzw. noch einmal anfangen, wenn man merkt, dass man noch Schwierigkeiten beim Verstehen von Texten hat, die auf das Problem der fehlenden Einordnung zurückzuführen sind.

Egal in welchem Stadium man mit dem Einüben beginnt, meiner Meinung nach ist es essentiell sich einmal ausgiebig mit dem Automatisieren zu beschäftigen. Das ist sozusagen das Fundament des Verbsystems. Erst wenn das gefestigt ist, können wir uns an die höheren Stockwerke machen :)

Ist das für alle Sprachen sinnvoll?

Natürlich werde ich wenig Zeit in das Automatisieren von Verbformen investieren, wenn das für die zu lernende Sprache irrelevant ist. Hat meine Sprache nur wenige Zeiten oder wenige unterschiedliche Formen, ist das hier sicher weniger wichtig.

Aber einige große Sprachen, die viele von uns lernen, haben ein ausgeprägtes Konjugationssystem und da finde ich das ganz wichtig. Das wären auf jeden Fall die romanischen Sprachen (inkl. Latein), aber auch Deutsch. Ich sehe das Problem bei meinen eigenen Deutsch-Schülern immer wieder und ich versuche, ihre Aufmerksamkeit auf die richtigen Formen zu lenken (konnte vs. könnte etc.). Das System eignet sich auch für die slawischen Sprachen, vor allem, wenn die Einordnung des jeweiligen Aspekts mittrainiert wird. Das Erkennen der Formen erleichtert das spätere Erlernen des Aspektsystems durch Lesen.

Und ganz viele Sprachen spreche ich einfach nicht, da bin ich auf euren Input angewiesen. Welche Sprachen lernt ihr und finPassdet ihr es dabei sinnvoll, Zeit und Mühe in das – sowohl aktive als auch passive – Erlernen der Verbformen zu stecken?

Ihr seid dran!

Was denkt ihr über das sture Automatisieren von Verbformen? Ich bin sicher, hier hat jeder ganz unterschiedliche Meinungen. Meine habt ihr ja gerade gelesen, jetzt bin ich auf eure gespannt!

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  • Susanne

    Hallo Dani,
    diese Idee finde ich als Basis eine gute Idee. Ich würde diese Variante allerdings nur wählen, wenn ich eine Sprache nur lesen lerne möchte. Für Latein in der Schule wäre das auch eine gute Idee gewesen 😉
    Ich frage Verbformen auch in Anki ab, lerne aber immer in die andere Richtung, d.h. von Deutsch muss ich in die Zielsprache übersetzen. Obwohl ich nicht „andersrum“ abfrage, kann ich die Formen dann trotzdem immer erkennen. (Das mache ich übrigens generell beim Vokabellernen so, ich lerne also immer nur in eine (für mich viel schwierigere) Richtung.
    Ich freu mich schon auf weitere Tips von dir!
    LG Susanne

    • http://www.isimplylovelanguages.com/ Dani Maizner

      Haha, das freut mich, dass du Anki in die andere Richtung nutzt. Ich habe mir nämlich beim Zusammenstellen der Tipps gedacht, dass man die passive Variante auch mit Karteikarten und die aktive Variante (die in dieser Sekunde online geht) mit Anki machen kann.

      Egal welches Medium, Hauptsache, es dient dem Zweck 😉

      Ein gemischter Stapel (also sowohl aktiv als auch passiv) könnte unter Umständen auch hilfreich sein, je nachdem was man gerade braucht.

      • Susanne

        Nachdem ich gerade deinen neuesten Blogpost gelesen habe, steig ich vielleicht um 😉 Ich schreibe nämlich auch gern per Hand und die Idee mit den großen Karteikarten ist super.
        Evtl. gebe ich nur die Formen ein, die ich mir nicht merken kann oder mit denen ich Probleme habe. Mir passiert es nämlich oft, dass ich zwar die Formen kenne und ein Verb konjugieren kann, aber wenn ich dann etwas sagen möchte, muss ich erst überlegen und die Formen des Verbs im Kopf „durchgehen“. Kennst du das auch? Machst du da gezielt was?

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