Wort zum Sonntag: Fremdsprachen als Kompetenz der Zukunft?

In den letzten Jahren hatte ich immer wieder das Vergnügen, mich mit Masterarbeiten oder anderen wissenschaftliche Abhandlungen, aber auch Büchern oder Vorträgen zu beschäftigen, in denen darüber gesprochen wurde, wie sich die Arbeitswelt in der Zukunft verändern wird. Ich persönlich finde das ja höchst spannend und wer mich ein bisschen kennt, weiß ja, dass ich selbst nicht mehr ganz dem klassischen Modell, weder der Unselbstständigkeit noch der Selbstständigkeit folge.

Die Liste an Fragen, die in diesen Arbeiten und Überlegungen auftauchen, ist ewig lang. Eine Frage taucht jedoch sehr häufig auf und das ist genau jene, die mich am meisten interessiert:

Über welche Kompetenzen muss eine Person verfügen, um für den Arbeitsmarkt der Zukunft gerüstet zu sein?

Also natürlich immer davon ausgegangen, dass die Kompetenzen einer Einzelperson individuell und niemals 1:1 gleich sind. Aber welches Set an Fähigkeiten muss eine Person mitbringen, um in der Arbeitswelt auch zukünftig mit dabei zu sein?

Die vielgefeierten Sprachkompetenzen

Als Sprachenthusiastin stellt sich mir natürlich die Frage, gehören zu diesem Erfolgsset an Kompetenzen auch Sprachkenntnisse? Jetzt wird jemand aufspringen und rufen: „Ja, klar, Chinesisch, die Sprache der Zukunft. Wenn du Chinesisch kannst, dann bist du der Knaller. Du wirst immer Arbeit finden.“ Dazu komme ich noch.

Nun aber zuerst allgemein zur Frage: Machen Sprachkenntnisse zukunftssicher? Abgesehen davon, dass es noch andere Kompetenzen braucht, bin ich der festen Überzeugung, dass sie das tun. Hier meine eigenen, nicht-wissenschaftlichen Argumente, die gerne auch beim nächsten Vorstellungsgespräch verwendet werden dürfen 🙂

Gesteigerte geistige Flexibilität

Jetzt bin ich doch bei Flexibilität gelandet… Das Wort ist ja schon ziemlich ausgelutscht, aber gut. Wer eine Fremdsprache gelernt hat und sie auch anwendet, ist zwangsläufig gezwungen, geistig kreativ und flexibel zu bleiben, vor allem in Situationen, in denen einem die Worte fehlen. Wie oft passiert es uns, dass wir in der Sprache das Wort nicht kennen, das wir brauchen, oder es uns partout nicht einfallen will?

Dann müssen wir uns zu helfen wissen: Wir beschreiben das Wort mit anderen Worten, die wir bereits kennen. Wir ahmen das Wort mit Bewegungen (= mit Händen und Füßen) nach. Wir geben Geräusche von uns, die dem Wort nahe kommen. Wir verwenden allgemeine Worte wie „das Dingsda“, in der Hoffnung, dass die anderen verstehen, was wir damit meinen.

Das Ganze kann als kreative Problemlösungskompetenz bezeichnet werden. In einer Situation, auf die wir unerwartet und unvorbereitet treffen, erfassen wir automatisch das Problem (welches Wort fehlt mir?) und entscheiden in Sekundenschnelle, welcher Weg jetzt der Beste ist, um das Wort zu ersetzen (eine Aktivität lässt sich zum Beispiel meist leichter pantomimisch darstellen als ein abstrakter Begriff), damit der Gesprächspartner dennoch versteht.

Diese geistige Flexibilität aka Problemlösungskompetenz ist genau das, was an allen Ecken und Enden gefordert wird.

Die Welt steht einem offen…

Die Diskussion über den Arbeitsplatz von morgen inkludiert auch die Frage über den Arbeitsort von morgen. Dabei geht es nicht nur um Home Office, Telearbeit und Präsenzzeit. Wer eine Fremdsprache spricht, hat um ein Vielfaches mehr Möglichkeiten, in anderen Ländern, Städten und Regionen zu arbeiten und erhöht damit seine Chancen, eine Arbeit in der Ausprägung zu finden, die einem persönlich wichtig ist.

Kurzes Beispiel, an die Südwestküste Frankreichs zieht es wahnsinnig viele Surfbegeisterte. Jetzt vor dem Sommer waren die sozialen Netzwerke voll von Menschen aus aller Welt, die hier die schönen Monate des Jahres verbringen wollen und natürlich auch ihr Leben irgendwie finanzieren müssen. Grundsätzlich kein Problem, es gibt viel Arbeit, aber oft wird halt zumindest verlangt, sich auf Französisch durchschlagen zu können.

Ich spreche ja gar nicht von der klassischen Karriereleiter, im Sinne von als Manager einer Firma ins Ausland versetzt werden. Den Sommer über an irgendeinem Ort zu surfen und dort einige Monate zu bleiben, hat ja als Lebensmodell seine Berechtigung. Sprachen können dabei eine super Basis sein, um flexibel und ortsunabhängig zu bleiben.

Und sagen wir, die Person hat jetzt die Lust gepackt, nach Frankreich zum Surfen zu gehen, hat aber Spanisch statt Französisch gelernt. Ja, aber dann ist zumindest Spanisch da, das hier in der Arbeit mit Touristen ebenfalls gebraucht wird und ein super Zusatzargument ist. Das ist mehr als nichts. An der Motivation, noch zusätzlich Französisch zu lernen, wird es ja nicht scheitern.

Sprachkenntnisse werden fast immer gebraucht

Wenn jemand eine Sprache beherrscht, gibt es eigentlich immer eine Möglichkeit, damit Geld zu verdienen – egal ob vor Ort oder online.

Sprachunterricht, Übersetzen, Korrekturlesen, Schreiben, Dolmetschen, Beraten, Nachhilfe, Reiseführer, Kundenservice, Korrespondenz, Rezeption und so weiter und sofort. Wenn ich eine Sprache gut kann und flexibel bin (ja, ich wiederhole mich), finde ich immer was zu tun.

Die große Frage: Welche Sprache muss es denn sein?

Tja, das würde man natürlich gerne wissen wollen. Aber alle Prognosen darüber, welche Sprache in Zukunft wichtig sein könnte, sind im Grunde sowas wie die Aussagen von vor einigen Jahren: „Werde Lehrer, da hast du einen sicheren Job.“ Unser Beispiel, Mister X, hört natürlich darauf, was die kluge Welt ihm zu sagen hat und wird Lehrer. Mit ziemlicher Sicherheit stellt sich dann eines der drei folgenden Szenarien ein:

1) Mr. X wird Lehrer in einer Zeit des Lehrermangels, hat nur super Stellen und liebt seine Arbeit. Super, es kann dir nichts Besseres passieren, lieber Mr. X.

2) Mr. X wird Lehrer in einer Zeit des Lehrermangels, hat nur super Stellen und wäre eigentlich lieber Automechaniker geworden. Tja, hoffentlich richtet er sich zuhause eine Hobbywerkstatt ein…

3) Mr. X wird Lehrer, genauso wie 50.000 andere in seinem Jahrgang, die den gleichen tollen Rat bekommen haben und muss Jahr für Jahr um seinen unterbezahlten Posten zittern. Lieber Mr. X, ich hoffe für dich, dass du zumindest gerne Lehrer bist, denn sonst hast du ein echtes Problem.

Der Ratschlag, lerne Sprache X, ist ungefähr genauso hilfreich, wie lerne Beruf Y. Ja, der Ratschlag kann super sein und passen – er kann aber auch voll in die Hose gehen. Es kann sein, dass die Sprache X heute sehr gefragt ist und es ist auch gut möglich, dass viele Firmen zu einem bestimmten Moment – bleiben wir doch bei einem konkreten Beispiel – händeringend Mitarbeiter suchen, die fließend Chinesisch sprechen, um dort den Markt aufzubauen, Mitarbeiter im Werk in Shenzhen zu schulen, technische Unterlagen zu übersetzen und so weiter.

Es kann auch sein, dass du, der fließende Chinesisch-Sprecher, dann genau von einer solchen Firma angeheuert wirst und den Job deines Lebens gefunden hast. Es kann aber genauso sein, dass du der einzige super top Chinesisch-Sprecher bist, der nie einen solchen Job findet – weil es sich einfach nicht ergibt. Falsche Ort, falsche Zeit, schlechtes Karma, was auch immer.

Anderes Szenario: Fünf Jahre später, du hast dich super abgemüht und plötzlich ist es nicht mehr Chinesisch, sondern… ach, lassen wir doch mal Baskisch die Weltsprache werden. Und du hast dich jahrelang mit diesem Chinesisch abgemüht und eigentlich wolltest du nichts anderes tun, als klassische russische Literatur im Original zu lesen. Tja, c’est la vie.

Man löse das komplexe Problem

Ja, ich bin der Meinung, dass Fremdsprachenkenntnisse uns zukunftssicherer für den Arbeitsmarkt – in welcher Form auch immer – machen.

Nein, es ist nicht voraussehbar, welche Sprache genau du lernen sollst, weil sie dir in 10 Jahren richtig viel bringt.

Ja, lerne einfach die Sprache(n), die dir Spaß macht/machen.

Ja, am tollsten wäre es natürlich, alle Sprachen zu können 🙂

Nein, natürlich reichen Fremdsprachenkenntnisse nicht aus, um sich in einer stetig verändern Arbeitswelt gut aufzustellen.

Ja, am Ende muss man sich einfach vom Leben überraschen lassen.

Von | 2018-06-29T11:29:23+00:00 Juli 1, 2018|Die Welt der Sprachen|